„Was machst du denn da?“ Toni trottet in seiner typischen schlaksigen Art ins Wohnzimmer und sieht seine Mitbewohnerin fragend an.
„Ich beobachte“, gibt die schwarze Hündin knapp zu verstehen. Ihr genervter Unterton lässt keinen Raum für weitere Erklärungen.
Toni zuckt kurz mit den Schultern, seine Augen folgen ihrem Blick nach draußen. Aber wie sehr er sich auch anstrengt, er kann einfach nichts zum Beobachten entdecken.
Der Garten liegt noch im Dämmerschlaf des frühen Morgens. In der Nacht ist es wieder kalt gewesen. Der Frost hat den grünen Graspitzen eine weiße Haube aufgesetzt. Alles liegt still und bewegungslos in der Starre der Kälte.
Unschlüssig nagt Toni an seiner Unterlippe. Er kennt Suzy lange genug, um zu wissen, dass diese keine in ihren Augen unsinnigen Fragen schätzt.
Wie oft hat er sich schon anhören müssen, dass er mal sein Gehirn anstrengen soll, anstatt immer nur blöd zu fragen. Aber es gibt Momente im Leben, da nutzt nicht mal die allergrößte Anstrengung.
Er seufzte leise auf.
„Was ist Toniboy? Hast du ein Problem?“ Suzy schaut ihn von unten herauf an.
Der Rüde räusperte sich ungehaglich unter ihrem abschätzenden Blick. „Was beobachtest du denn? Ich meine, da ist doch nichts, außer Rasen, Sträucher und …“
„Schon klar, dass dir mal wieder nichts auffällt.“ Suzy richtet ihren Blick wieder starr nach draußen. „Es ist doch offenkundig.“
Toni rollt die Augen. „Ach ja, also für mich nicht.“
„Das Vogelhaus, Toni, das Vogelhaus.“ Sie hebt ihre Nase und zeigt in Richtung der Futterstelle.
Toni runzelt verständnislos seine Stirn. „Ja, und? Ich verstehe nicht.“
„Pff“, schnauft sie verächtlich. „Siehst du es denn nicht? Fällt dir gar nichts auf?“
Toni gibt sein Bestes. Er starrt das Vogelhäuschen an, versucht, jedes Detail wahrzunehmen. Vor Anspannung beginnt er mit den Füßen zu trippeln.
„Mmh, ääh …“, kommt es zusammenhangslos aus seinem Mund. Schließlich gibt er auf. „Da ist doch nichts, gar nichts“, murmelt er enttäuscht.
„Ja, ganz genau, Toni. Da ist nichts.“
Überrascht reißt der Rüde seine Augen auf, er kann es nicht fassen. Mit seinem Hinterteil führt er einen Freundentanz auf. „Siehst du, wie gut ich beobachten kann?“
Doch der Moment des Ruhmes vergeht so schnell, wie er gekommen ist, als dem Rüden klar wird, dass er den Sinn hinter dem Ganzen trotzdem nicht verstanden hat.
„Aber was ist daran so interessant?“, hakt er kleinlaut nach, „warum hockst du hier und starrst hinaus? Ich meine, wenn da nichts ist.“
„Das ist es doch, Toni, schalte mal dein Gehirn ein. Gestern Abend war das Vogelhaus noch voll mit Sonnenblumenkernen. Mama Astrid hat es noch kurz vorm Dunkelwerden aufgefüllt, damit die Vögel heute früh was zu essen haben und …“.
„Na, dann ist es doch klar“, fällt Toni der Hündin ins Wort, „die Vögel haben die Kerne aufgegessen, ist doch logisch.“ Toni grinst zufrieden mit sich und seiner Gehirnleistung.
„Ja klar, wenn das Vögel mit dem Appetit von Rosie* wären, dann vielleicht, aber die normalen Spatzen und Amseln und was sonst noch hier so rumfliegt, hätten das niemals geschafft, und außerdem“, Suzy blickt zu Toni herüber und senkt ihre Stimme geheimnisvoll, „ist das Futter ja jetzt schon weg und Vögel schlafen in der Nacht und gehen nicht auf Futtersuche.“
Toni blickt sein Gegenüber skeptisch an.
„Vielleicht hatten sie ein kleines Hüngerchen“, bemerkt er lapidar, „das geht mir auch manchmal so in der Nacht, und dann bin ich froh, wenn ich irgendwo noch ein Leckerchen finde.“
„Ach Toni, lass mal gut sein, überlass das Denken, Beobachten und Kombinieren getrost mir. Ich werde herausfinden, was hier vor sich geht. Ich werde den Futterdieb überführen. Heute Abend lege ich mich auf die Lauer, wäre doch gelacht.“
„Wenn du meinst.“ Tonis Interesse hat sich verflüchtigt. „Ich schaue lieber mal, was unsere Mamas treiben. Ich hätte Bock auf eine Streicheleinheit oder zwei oder …“ Mit diesen Worten dreht Toni sich um und schlurft davon.
„Streicheleinheiten“, äfft Suzy ihren Mitbewohner mürrisch nach. „Ich frage mich, was bei dem schiefgelaufen ist? Hier ist Action angesagt, ein echter Raub, und er will Streicheleinheiten. Nicht zu fassen.“
Der Tag vergeht ereignislos.
Suzy verlässt ihren Posten an der Terrassentür nur, wenn man sie zum Spazierengehen nötigt oder Dinner serviert wird.
Am frühen Abend füllt Astrid das Vogelhaus unter den wachsamen Blicken von Suzy wieder auf.
Suzy grinst zufrieden. Der Köder ist ausgelegt. Heute Nacht wird sie den Dieb überführen.
Gegen 22.00 Uhr kehrt Stille im Haus ein.
Entgegen ihrer Angewohnheit, bei einer der Schwestern im Bett zu schlafen, bleibt Suzy heute im Wohnzimmer.
„Willst du nicht ins Bett kommen, Suzy?“, fragt Iris verwundert, als Suzy keine Anstalten macht, ihren Platz zu verlassen und ihr ins Bett zu folgen.
„Wie du willst“, Iris zuckt die Schultern, „du weißt ja, wo du mich findest.“ Sie streichelt der Hündin kurz über den Kopf und lässt sie dann im Wohnzimmer zurück.
„Auf geht’s“, frohlockt Suzy, als sie endlich alleine ist. “ Zeig dich, du gemeiner Dieb.“
Motiviert bezieht sie ihren Posten und starrt aufmerksam in die dunkle Nacht hinaus.
Die Minuten schleichen dahin, ohne dass irgendetwas passiert. Sekunden dehnen sich zu Stunden. Suzys Augenlider werden schwerer und schwerer.
„Wachbleiben!“, ermahnt sie sich im halbherzigen Ton, „du musst wachbleiben.“
Doch irgendwann obsiegt die Müdigkeit. Suzys Beine geben nach und sie rollt sich auf dem Boden zusammen.
„Nur einen Augenblick“, murmelt sie noch, und schon im nächsten Moment ist sie tief und fest eingeschlafen.
„Guten Morgen, Süße“, reißt sie Iris Stimme aus ihren Träumen. Erschrocken hebt Suzy den Kopf.
„Wie? Was? Guten Morgen? Das kann doch nicht sein, ich hab doch nur kurz …“, murmelt sie schlaftrunken. Ihr Blick huscht nach draußen. „Oh nein“, stöhnt sie, „das Vogelhäuschen ist schon wieder geplündert.“
Fassungslos schüttelt sie den Kopf. Das kann doch nicht wahr sein. Sie drückt ihre Nase fest gegen die Fensterscheibe. Ihr warmer Atem hinterlässt einen feuchten Abdruck auf dem kalten Glas.
„Na, hast du gut geschlafen, meine Kleine?“ Iris gesellt sich mit einer Tasse Kaffee neben sie. „Ich hoffe, die Ratten haben dich nicht gestört.“ Iris blickt auf das leere Vogelhaus und schüttelt den Kopf. „Astrid sollte mit der Fütterei aufhören, sonst haben wir bald eine eigene Rattenkolonie.“
Suzys Blick huscht zwischen Iris und dem Futterhäuschen hin und her. Ihre Augen leuchten auf.
‚Ratten, natürlich, warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?‘, überlegt sie im Stillen, als Toni ins Wohnzimmer schlurft und seine Nase besitzergreifend gegen Iris‘ Knie drückt.
„Morgen, Großer“, begrüßt sie den Rüden und wuschelt ihm durchs Fell. „Lust auf Frühstück?“
Toni tänzelte in froher Erwartung hin und her.
„Alles klar“, erklärt sie lächelnd ,“ich mach euch was.“
Kaum ist Iris verschwunden, stupst Toni seine Mitbewohnerin erwartungsvoll an. „Und wie sind die Ermittlungen gelaufen? Hast du den Dieb enttarnt?“ In Tonis Stimme schwingt eine Spur von Ironie, die Suzy rein gar nicht gefällt. „Aufgehalten hast du ihn jedenfalls nicht.“ Toni fixiert das Futterhaus, ein hämisches Grinsen auf den Lippen.
Suzy schnaubt vor Wut. ‚Na warte, deinen Sarkasmus kannst du dir sonst wohinstecken.‘
„Und?“ Toni trippelt siegessicher mit seinen Vorderpfoten.
„Ja wie auch, du Honk?“, platzt es patzig aus ihr heraus. „Durch die Fensterscheibe oder was? Du Klugscheißer.“
Die kleine Hündin kommt so richtig in Fahrt. „Aber ich weiß, wer das Futter klaut, ich …“
„Echt?“ Hin und hergerissen zwischen Bewunderung und Zweifel weicht Toni einen Schritt zurück.
Suzy wartet einen Moment, sie will den Augenblick des Sieges voll auskosten.
„Echt“, bestätigt sie schließlich. Sie richtet sich kerzengerade auf. „Es sind Ratten“, gibt sie ihre Erkenntnis zum Besten, „nachtaktive Tiere, die einfach alles fressen.“ Arrogant reckt sie ihre Rute noch ein Stückchen höher. „Ich habe doch gesagt, ich überführe den Dieb.“
Doch Toni will nicht einfach klein beigeben.
„Hast du Beweise? Das kann ja jeder sagen, er hätte etwas herausgefunden …“
„Häh?“ Irritiert blickt Suzy den Rüden an, eine solche Hartnäckigkeit ist sie von ihm gar nicht gewöhnt. Aber Suzy wäre nicht Suzy, wenn sie keine passende Antwort parat hätte.
„Bin ich etwa jeder oder was? Habe ich dich jemals belogen oder …“
„Das nicht“, fällt Toni ihr ins Wort, „aber wer wird schon ohne Beweise eingesperrt oder verurteilt.“
Suzy pustet die Luft aus. „Du schaust zu viele Gerichtssendungen“, versucht sie, Zeit zu schinden.
Die Ankunft des Futters rettet Suzy in diesem Moment den Arsch.
„Frühstück“, ruft Iris von der Tür, und schon hat Toni alles um sich herum vergessen.
„Frühstück, Frühstück“, jauchzt er und rast davon.
Suzy richtet einen dankenden Blick gen Himmel und folgt dann ihrem Mitbewohner.
Kurze Zeit später gesellte sich auch Astrid zu ihnen.
„Hör mal, Sis“, beginnt Iris, „lass das mal mit der Vogelfütterei, die Ratten haben schon wieder alles verputzt und ich will so ein Tier nicht im Haus haben.“
Suzy kann ihr Glück kaum fassen. Sie stupst Toni mit ihrem Hinterteil an.
„Hast du gehört, Ratten? Ich habe es doch gesagt.“ Sie grinst triumphierend
„Ja, ja, du hast recht“, gibt Toni zu. In seiner Stimme schwingt ein aufgeregter Unterton. Er trabt zum Trinknapf und schlabbert ihn leer.
„Ich möchte auch was ermitteln“, gesteht er schließlich kleinlaut, „irgendeine Entdeckung machen, irgendwas beobachten.“
„Dann mach doch“, stachelt Suzy ihren Mitbewohner an,“mal sehen, ob du auch so erfolgreich bist.“ Sie lächelt breit. „Ich glaube ja nicht, aber man weiß ja nie.“
„Ja, aber was denn? Ich …“ Sein Blick fällt auf den leeren Wassernapf.
„Wo ist das Wasser?“, schießt es plötzlich aus ihm heraus.
„Wat?“ Suzy versteht rein gar nichts und starrt Toni entgeistert an.
„Das Wasser, es ist weg. Jemand hat es geklaut, vor unseren Nasen.“ Toni steckt seine Nase tief in den leeren Napf und schnüffelt.
Suzy verdreht die Augen. „Toni, dein Bart ist noch ganz nass. Was sagt dir das?“
„Häh? Wie? Hab mich geschleckt nach dem Essen.“
Sein Blick sucht den Fußboden ab. „Vielleicht ein Loch im Napf“, überlegt er laut. Er stößt mit seiner Nase das Gefäß um und inspiziert den Boden. „Offenkundig nicht“, sinnierte er in typischer Suzy/Sherlock-Holmes-Manier. „Aber wie dann ?“ Seine Stirn legt sich in Falten.
Nur mühsam kann Suzy ihr Lachen zurückhalten. „Na dann ermittel mal, Großer. Ich wünsche dir viel Erfolg!“
Breit grinsend dreht sich die Hündin um.
„Ein Tipp noch, so von Ermittler zu Ermittler.“ Sie dreht ihren Kopf in Tonis Richtung.
Der Rüde blickte sie erwartungsvoll an. Seine Augen glänzen vor Aufregung.
„Die Lösung ist näher, als du denkst.“
„Wie? Das soll der Tipp sein?“ Toni schürzt die Lippen. „Toll, herzlichen Dank.“
„Nicht dafür, Großer.“
Grinsend stolziert Suzy aus dem Wohnzimmer Richtung Schlafzimmer. Nach dieser Nacht auf dem kalten und harten Wohnzimmerboden hat sie sich einen Schönheitsschlaf in weichen Daunen mehr als verdient.
Herzlichst,
Suzy und Toni
*Rosie ist eine Dackeldame in den besten Jahren, unser Teilzeitrudelmitglied und beste Freundin. Darüberhinaus ist sie ziemlich verfressen. Wie sie Teil unser Familie wurde erfahrt ihr in Kürze.