Suzy und Toni

Die X-Dogs
oder
Drei Hunde allein zu Hause

„Oh Mann, ey, wo ist die denn jetzt hin?“, mault Rose genervt. „Erst macht Iris so eine große Welle, von wegen spazieren gehen, setzt mich sogar schon in den Rolli, und dann verschwindet sie einfach so.“ Die Dackelhündin kann es nicht fassen und trippelt nervös mit den Vorderpfoten auf.
Suzy stöhnt. „Spiel mal nicht die Dramaqueen, Rose. Du hast doch gehört, dass Astrids Auto streikt und Iris sie kurz abholen muss“, erklärt Suzy, während sie sich genüsslich auf dem Sofa räkelt.
„Pah“, lässt sich Rose, kein bisschen beschwichtigt, vernehmen, „sie hätte mich wenigstens mitnehmen können.“
„Wieso, gefällt es dir nicht mit uns?“ Toni streckt sich und schlurft Richtung Fensterfront, „ich dachte, wir sind deine Freunde.“
„Ja schon“, wiegelt Rose ab, „trotzdem wäre ich lieber mitgefahren, als hier zu warten.“ Beleidigt verzieht der Dackel seine Schnauze.
Toni zuckt die Schultern. „Es gibt Schlimmeres“, kommentiert der Rüde kurz, platziert sich vor der Terrassentür und betrachtet eingehend sein Konterfei im reflektierenden Glas.

„Was machst du da, Toni?“ Suzy hat aus den Augenwinkeln bemerkt, wie der Rüde vor der Fensterscheibe posiert, mal das rechte, mal das linke Pfötchen hebt und dabei Unverständliches in seinen Bart murmelt.
„Ich schaue nur“, antwortet Toni kurz angebunden, ohne seine Betrachtungen zu unterbrechen.
„Mmh, ja, ja, vielleicht“, murmelt er zusammenhangslos.
„Ja, was denn?“ Neugierig geworden, setzt Suzy sich auf. „Was gibt es denn da zu schauen?“
„Vielleicht was zu essen?“, kann sich Rose nicht zurückhalten und blickt in Tonis Richtung.
„Nein, kein Essen. Ich dachte nur …“
„Oh“, wirft Rose enttäuscht ein, „das ist aber schade. Ein kleiner Snack, um die Wartezeit zu überbrücken, wäre gar nicht schlecht.“
„Wie dem auch sei“, lässt sich Toni nicht abbringen, „ich dachte …“
Jetzt ist es Suzy, die sich nicht zurückhalten kann und dem Rüden ins Wort fällt. „Lass das mal lieber mit dem Denken, sonst verletzt du dich noch! Was sagst du dazu, Rose?“
Wie auf Kommando blicken sich die Hündinnen an und prusten lautstark los.
„Du hast so recht, meine Liebe“, stimmt Rose, atemlos vom Lachen, zu. „Ich kann schon das ‚Aua, Aua‘ hören.“
„Ach, ihr seid doof“, geifert Toni zurück, „für jemanden, der nicht mehr laufen kann, und jemanden, der Angst vor allem und jedem hat, habt ihr zwei eine ganz schön große Fresse.“ Beleidigt wendet Toni seinen Kopf ab und stülpt die Unterlippe vor.
„Na komm schon Toni, du weißt doch, wie es gemeint ist“, gibt sich Suzy große Mühe, die Wogen zu glätten. „Jetzt sag schon, was gibt es da so Aufregendes zu sehen?“
„Na gut“, Toni zeigt sich großzügig und zuckt leicht die Schultern, „Mama hat gesagt, ich hätte so lange Krallen bekommen, und da wollte ich halt mal schauen …“
„Echt jetzt? Das ist alles?“ Rose kann es nicht fassen.
„Lass mich doch ausreden, Dackel!“ Toni hebt seine rechte Pfote und hält sie den Damen zur Betrachtung entgegen. „Ich glaube, ich bin Wolverine“, verkündet er im Brustton der Überzeugung.
Für einen Moment herrscht atemlose Stille.
Suzy versucht krampfhaft, ein erneutes Auflachen zu unterdrücken. Sie sucht Blickkontakt mit ihrer Freundin Rose.
Ihr Lachen bleibt ihr förmlich im Hals stecken, als sie überrascht feststellt, dass die Dackeldame überaus interessiert auf Tonis Pfote starrt.
„Nicht dein Ernst, Rose.“ Suzy ist fassungslos. „Das kannst du doch nicht ernsthaft glauben?“ Sie springt galant vom Sofa und schüttelt sich. Durch den entstehenden Luftzug segeln ein paar Notizblätter, die achtlos auf dem Sofatisch liegengelassen worden waren, zu Boden.
Toni schnappt aufgeregt nach Luft und blickt seine Verbündete im Geiste vielsagend an. „Was denkst du, Rose?“ Er grinst breit.
„Ich kann dir sagen, was der Dackel denkt“, nimmt Suzy die Antwort vorweg, „der Dackel denkt, dass er Hunger hat und …“
„Ja, ja, genau“, ruft Rose aufgeregt aus. Ihr gesamter Körper zittert vor Anspannung.
„Woher weißt du das? Kannst du hellsehen oder …?“
„Nein, ich kann nicht hellsehen.“ Suzy senkt frustriert ihren Kopf. „Aber ich kenne …“
„Nein, nein, nein.“ Rose rollt zu Suzy herüber und blickt ihr tief in die Augen. „Es gibt nur eine Möglichkeit, ich habe dir die Antwort suggeriert.“
Suzy stöhnt auf. Ihr Kinn sinkt auf ihre Brust. „Ich fasse es nicht.“
„Doch, doch, so muss es sein, es ist die einzig logische Erklärung“, bestätigt Toni zuversichtlich. „Ich weiß zwar nicht, was das bedeutet, aber es muss einfach so sein.“ Er stößt den Dackel sanft mit seiner Schnauze an. Rose blickt zu ihm auf und grinst verschwörerisch.
„Das ist nicht einfach Rose“, verkündet der Rüde in einem Ton, der keinen Zweifel, geschweige denn Widerspruch, zulässt, „das ist Rose Xavier.“
Rose lächelt wohlwollend und reckt sich ein wenig mehr in die Höhe.
„Wer auch sonst? Ist ja wohl klar, dass ein Dackel euer Anführer ist.“ Rosies Stimme nimmt einen leicht überheblichen Unterton an. Sie reckt ihre Schnauze nach vorne. „Und genau wie der echte Xavier sitze auch ich im Rollstuhl und …“
„So ein Humbug“, lässt sich die Stimme der Vernunft vernehmen, „das sind Comicfiguren, die gibt es nicht wirklich.“ Suzy schüttelt den Kopf. „Ihr zwei habt echt den Schuss nicht gehört.“
„Und du hast echt keine Ahnung, Suzy“, lässt sich Toni nicht von seiner Meinung abbringen. Er hüpft von einem Vorderbein auf das andere und krakelte, „Ich bin Wolverine, ich bin Wolverine.“
„Nein, nein, mein Freund.“ Rose rollt auf Toni zu und baut sich vor dem Rüden auf. Ein wohlwollendes Lächeln zeigt sich auf ihrem Gesicht.
Toni hält gespannt den Atem an und wagt es nicht, sich zu rühren,
„Du bist Tonirine“, erlöst Rose ihren Verbündeten aus seiner Starre.
Tonis Augen werden groß. Ein freudiges Glänzen erstrahlt in ihnen. Er atmet tief aus. „Ja, ja, ja, ja“, platzt es schließlich aus ihm heraus, „ich bin Tonirine, ich bin Tonirine.“ Er tänzelt überschwänglich und auch Rose rollt aufgeregt in ihrem Gefährt vor und zurück.
„Pff“, kommentiert Suzy, „Kinderkacke.“ Abrupt wendet sie sich um, was weitere Blätter aufwirbelt und sanft zu Boden schweben lässt.
Toni beobachtet das Schauspiel mit angehaltenem Atem.
„Ich weiß, es interessiert dich zwar nicht“, unternimmt er einen weiteren Versuch, um Suzy zu überzeugen, „aber ich glaube, du bist Storm.“ Toni deutet auf die Blätter am Boden.
„Was denkst du, Rose Xavier?“
„Was?“ Der Dackel schreckt aus seinen Gedanken. Flüchtig blickt sie auf die Papiere am Boden. “ Ist mir doch egal, lass mich, ich bin am Suggerieren.“
„Oh yeah, ‚Suggedingsbums'“, stößt Toni beeindruckt von Rosies Fähigkeiten aus.
„Meinst du echt?“, wirft Suzy unvermittelt dazwischen. Eine Welle der Aufregung durchläuft ihren Körper.
„Was denn?“ Toni ist mit seinen Gedanken gerade ganz woanders. Ehrfurchtsvoll beobachtet er Rose, die angestrengt nachzudenken scheint.
„Na, dass ich Storm bin.“
„Ja klar“, ruft Toni freudig aus, „denk doch an den ganzen Wind, den du mit deiner Rute und deinem ganzen Körper erzeugen kannst.“
„Ich bin Storm. Ich bin Storm.“ Suzy lässt ihre Rute wild kreisen. „Nein“, überlegt sie kurz, „ich bin Stormy!“
Aufgeregt hüpft Suzy durch das Wohnzimmer und ruft in einem wiederkehrenden Refrain. „Stormy, Stormy!“
„Und ich bin Tonirine!“, verkündet Toni lautstark und stürzt sich mit einem lauten Grunzen auf sein Schlafkissen.
Wie in Rage bearbeitet er den weichen Stoff mit seinen Krallen. Es dauert nicht lange und die ersten Flocken der Kissenfüllung drücken sich durch die Risse im Bezug und verteilen sich auf dem Fußboden.
Suzy gesellt sich zu ihrem Freund und wedelt mit ihrem gesamten Hinterteil, so stark wie sie nur kann. Fühlwatte fliegt wie Schneeflocken durch die Luft und verteilt sich im ganzen Raum.
Ein Hundecookie, das vergessen unter dem Kissen gelegen hat, wird von einem Tatzenhieb erfasst und landet, wie der Zufall es will, genau vor Rosies Nase.
„Oh mein Gott“, stößt Rose fassungslos aus, „ich bin es wirklich. Genau das habe ich suggeriert.“ Schmatzend verschwindet das Cookie in ihrem Bauch. Zufrieden mit sich und ihrer mentalen Kraft, widmet sie sich wieder ihren Gedanken.

„Puh“, stöhnt Toni nach einer Weile auf, „Tonirine zu sein, ist ganz schön anstrengend.“ Hechelnd und sichtlich erschöpft lässt er sich auf den Boden plumpsen.
„Ich kann auch nicht mehr.“ Suzy findet ein Plätzchen direkt neben ihrem Verbündeten. Ihr Blick schweift durch das Zimmer.
„Waren wir das?“, fragt sie erschrocken, „Wie das hier aussieht. Das gibt bestimmt Ärger.“ Sie drückt sich etwas fester an Tonis Rücken.
„Mmh, glaub‘ ich nicht“, bemerkt Toni mit müder Stimme, völlig unbeeindruckt von Suzys Angst, „schließlich sind wir die X- Dogs und …“
„Herrje“, entfährt es der Hündin. Sie springt auf. „Wo ist denn Rose? Die habe ich total vergessen.“ Suchend huscht ihr Blick über die Berge von Füllwatte und Papierfetzen.
„Ich bin hier“, kommt eine gedämpfte Stimme unter einem Watteberg hervor.
„Was tust du denn da.“ Schnell ist Suzy an Rosies Seite und lässt nochmals ihre Rute kreisen. In Windeseile kommt der Dackel zum Vorschein.
„Alles gut?“ Suzy mustert ihr Gegenüber skeptisch.
„Ja schon“, Rose lässt enttäuscht den Kopf hängen, „doch leider hat das mit dem Suggerieren nur einmal geklappt. Nur ein Cookie habe ich heraufbeschworen.“ Rose ist merklich enttäuscht.
„Ach, mach dir nichts draus.“ Suzy stupst ihre kleine Freundin sanft an. „Aller Anfang ist schwer.“
Ihr Blick huscht ein weiteres Mal über das Chaos im Wohnzimmer. „Aber vielleicht kannst du dein Glück gleich nochmal bei unseren Mamas versuchen.“
Rosies Augen leuchten auf. „Klar, habt ihr auch Hunger.“ Ein angestrengter Ausdruck legt sich auf das Gesicht der Hündin.
„Ach Rose, du denkst wirklich nur ans Essen. Schau dich doch mal um.“ Suzy beschreibt mit ihrem Kopf einen Halbkreis. „Wie sollen wir dieses Chaos nur erklären?“
Toni gähnt. „Wir sagen einfach, Rose hat ihr ‚Suggedingsbums‘ bei uns angewendet. Wir konnten gar nicht anders.“ Der Rüde grinst schläfrig. „Rose ist an allem schuld und wir sind fein raus.“
„Was“, ruft Rose empört aus und richtet ihren Oberkörper kämpferisch auf, „ihr habt das schließlich verbockt, nicht ich.“
Rose‘ Augen verengen sich zu Schlitzen. „Schließlich warst du es, der hier rumgeprahlt hat, er sei Wolverine.“
Toni senkt beschämt den Blick.
„Jetzt mal easy, ihr beiden“, versucht Suzy das Duo zu besänftigen. „Wir sind doch Freunde, oder?“
„Klar doch.“ Rose grinst breit und auch Toni kann nicht anders, als zuzustimmen.
„Versuch es einfach noch mal mit deinem ‚Suggedingsbums‘ und der Rest wird sich zeigen.“
„Okay, das kann ich versuchen“, lenkt Rose ein, „aber versprechen kann ich nichts.“
„Schon klar.“ Suzy grinst ihre Freundin an. „Wird schon werden.“ Sie wendet sich um. „Kommt, wir duckeln’ne Runde.“
Rose folgt Suzy zu Toni, der in der Zwischenzeit schon laut schnarchend im Land der Träume angekommen ist.
Die Mädels suchen sich ein gemütliches Plätzchen. Suzy kuschelt sich an Tonis Rücken.
Rose, die sich mit ihrem Rolli nicht richtig ablegen kann, streckt die Vorderbeine aus, legt ihren Kopf auf Tonis Schenkel ab und drückt sich fest gegen seine Seite. Sie schmatzt genüsslich. „So gemütlich.“
„Mhm“, stimmt Suzy im Halbschlaf zu, „perfekt.“
Und so schlafen die X-Dogs ihren wohlverdienten Superheldenschlaf.

 

Herzlichst,

Suzy, Toni und Rose

PS: Das ‚Suggedingsbums‘ hat leider nicht geklappt, obwohl Rose sich total angestrengt hat. Aber trotzdem konnten uns unsere Mamis nicht recht böse sein. Sie haben zwar geschimpft, aber am Ende herzlich gelacht und uns drei ausgiebig gestreichelt. Und dann sind wir auch noch zu fünft spazieren gegangen und schon am nächsten Tag hatte Toni ein neues Schlafkissen.

PPS: Ähnlichkeiten mit real existerenden Superhelden sind rein zufällig.

 

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