Hallo Ihr Lieben,
Ich bin’s mal wieder, Suzy der rumänische Sonnenschein aus Meckenheim.
Jetzt mal ehrlich, jeder, der sagt, einen schönen Hund kann nichts entstellen, hat wirklich keine Ahnung, wovon er spricht, oder hatte noch nie ein entstellendes Erlebnis. Ich habe da ganz eigene Erfahrungen gemacht und die waren alles andere als schön.
Aber eins nach dem anderen. Noch kurz in Position bringen und das Fell am Pfötchen glattlecken und schon geht es los.
Alles begann an einem schönen Tag im Mai. Wie üblich waren Toni, Mama Iris und ich am frühen Morgen in den Feldern rund um Meckenheim unterwegs.
Die Sonne schob sich langsam hinter den entfernten Hügeln an den Himmel und zauberte erste Spuren von Orange zwischen die lilablauen Schäfchenwolken. Tautropfen klammerten sich an Grashalme und funkelten wie Diamanten im erwachenden Licht.
Es war ein perfekter Morgen.
Toni und ich rasten über die Wege, schnupperten hier und buddelten dort. Wir genossen unser Hundeleben in vollen Zügen.
Unserer üblichen Route folgend bogen wir in einen hochbewachsenen Grasweg ein. Toni war einige Meter vor mir. Sein Hinterteil wackelte im Takt seiner Schritte, sein langes Fell schlenkerte wie ein Hula-Röckchen um seine Beine. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Ich wollte gerade zum Sprint ansetzen, um zu dem Rüden aufzuschließen, als ich einen stechenden Schmerz in meiner Pfote spürte.
„Aua“, jaulte ich auf und kam abrupt zum Stehen. Ich hob meine Pfote an und leckte den Ballen.
„Was ist denn, Süße?“, hörte ich die besorgte Frage meiner Mama. Iris hatte gemerkt, dass irgendwas nicht in Ordnung war, und war in null Komma nichts an meiner Seite.
„Zeig mal her.“ Sie griff sanft nach meiner Pfote und untersuchte sie. Ihre Finger strichen vorsichtig zwischen den Zehen entlang, auf der Suche nach einem Fremdkörper.
„Da ist nichts, Kleine“, stellte sie nach ihrer ausgiebigen Untersuchung fest. Sie wuschelte kurz über meinen Kopf. „Na dann los.“
Vorsichtig setzte ich meine Pfote auf. Überrascht stellte ich fest, dass der Schmerz verschwunden war. Es war gerade so, als hätte Mama den Schmerz mit ihren magischen Fingern weggezaubert. Ich blickte dankbar zu ihr auf und wetzte im nächsten Moment Toni hinterher.
Der Zwischenfall geriet in Vergessenheit. Toni und ich neckten uns, wie eh und je, und alles war wie immer.
Doch im Laufe des Vormittags bemerkte ich, dass irgendwas nicht stimmte. Ich fühlte mich sonderbar müde, meine Augen tränten und auch in meinem Bauch rumorte es unangenehm.
Ich streckte mich weit nach vorne aus, in der Hoffnung auf Linderung. Aber alles Dehnen nützte nichts.
Plötzlich spürte ich Übelkeit, die meine Kehle hinaufwanderte. Ich würgte lautstark. Bitterer Gallegeschmack sammelte sich in meinem Mund. Ich würgte ein weiteres Mal und mein Frühstück landete in einem unansehnlichen Haufen vor meinen Füßen.
Ich stöhnte gequält auf. „Was für eine Schande.“ Doch viel Zeit zum Bedauern blieb mir nicht, als sich mein Magen erneut zusammenzog und bitterer gelber Schaum dem Erbrochenen ein Krönchen aufsetzte.
Toni war meine Misere nicht verborgen geblieben. Er gesellte sich an meine Seite und versuchte, mir allein durch seine Nähe Trost zu spenden.
Und auch, wenn ich seine Bemühungen zu schätzen wusste, brachten sie mir kaum Erleichterung. Mein Bauch tat furchtbar weh und ich wollte mich am liebsten in einer dunklen Ecke verkriechen und mich meinem Elend ergeben.
Doch Toni war nicht der Einzige, der mir zur Seite stand. Mama Astrid hatte die unangenehmen Geräusche aus dem Wohnzimmer ebenfalls gehört.
„Ach Suzy“, lamentierte sie, während sie mir beruhigend über den Kopf streichelte. „Alles halb so schlimm.“
Um ehrlich zu sein, war ich mir nicht sicher, ob Mama mich oder doch sich selber beruhigen wollte. Eines stand jedenfalls fest, ich fühlte mich schrecklich, und daran änderten auch tröstende Worte nichts.
Ich schlich auf mein Kissen und rollte mich zu einem Knäuel zusammen. Doch es dauerte gar nicht lange, da spürte ich schon wieder einen Brechreiz in mir aufsteigen.
‚Oh nein‘, stöhnte ich innerlich und rappelte mich auf. Etwas unstet schaffte ich es nur wenige Schritte weit, bevor ich wieder würgen musste und erneut weißgelblichen Schaum auf den Teppich spuckte.
„Hast du was Falsches gegessen?“, fragte Mama Astrid mitfühlend, während sie das Malheur verwischte.
Ich hob meinen Kopf und überlegte, ob Astrid tatsächlich eine Antwort erwartete. Doch weit kam ich in meinen Gedankengängen nicht. Ein angstvolles „Oh Gott“, ließ mich zusammenzucken.
„Suzy, du bist ja total verquollen. Dein Auge ist ganz dick.“ Astrid kniete sich neben mich und streichelte mich sanft. ‚Was hast du gemacht?‘
Ich stöhnte leise auf. Als ob ich darauf eine Antwort hätte, und überhaupt, was sollte das bedeuten ‚verquollen‘.
Hilfesuchend blickte ich mich nach Toni um. Mein Mitbewohner stand an meiner rechten Seite und starrte mich an, mit einem Blick aus Mitleid und Schadenfreude. Ich runzelte die Stirn. „Was ist los?“, wollte ich wissen.
Doch Toni schüttelte nur den Kopf und bemühte sich redlich, sein Kichern zu unterdrücken.
„Du siehst aus wie ein Kampfboxer“, brachte er schließlich hämisch hervor. Irritiert starrte ich ihn an, aber eine weitere Erklärung blieb aus, als Astrid lautstark nach ihrer Schwester rief.
„Iris, komm mal“, verlangte Astrid leicht panisch, „Suzy geht es nicht gut. Ich glaube, wir müssen zum Tierarzt.“
Bei diesem Wort sackte ich noch weiter zusammen. Ich habe zwar keine richtige Angst vor dem Arzt, aber wirklich gerne gehe ich da auch nicht hin.
„Was ist denn?“ Iris tauchte in der Zimmertür auf. „Ich muss das Konzept fertigkriegen.“
„Suzy hat gekotzt, und schau sie dir mal an. Sie ist irgendwie verquollen.“
Iris ging in die Hocke und nahm mich in Augenschein. Jeder Gedanke an Arbeit war vergessen.
Toni ließ es sich nicht nehmen ebenfalls genauer zu schauen und schob sich vehement dazwischen. „Du siehst echt lustig aus, Suzy“, setzte er seiner Schadenfreude die Krone auf.
„Echt witzig, Großer. Ich lache später“, gab ich angespannt zurück. „Ich fühle mich echt scheiße.“
Versöhnlich schleckte Toni mir über die Lefzen. „Wird schon wieder.“
Ein kleines Lächeln zog an meinen Lippen. Ich lehnte mich an meinen großen, kleinen Bruder und genoss für den Moment seine Nähe. Zuversicht schwappte durch meinen geschundenen Körper.
„Du hast recht, irgendwas stimmt nicht. Ich rufe den Doc an“, brachte Iris mich in die Realität zurück.
Mama griff ihr Handy und wählte die Nummer. Nach ein paar Minuten sprang der Anrufbeantworter der Praxis an. Iris lauschte gespannt und beendete dann frustriert den Anruf.
„Scheiße, der Doc ist heute nicht da, Fortbildung oder so.“ Iris ließ sich nebenToni, Astrid und mir auf den Boden fallen.
„Und jetzt? Warten wir bis morgen?“, wollte Astrid wissen. Ihr Blick huschte zwischen mir und Iris hin und her.
Unschlüssig kaute Iris auf ihrer Unterlippe. „Ich weiß nicht, nicht, wenn es irgendwas Schlimmes ist.“
Ich bemerkte, wie Toni zusammenzuckte. „Was Schlimmes? Suzy, es ist doch nichts Schlimmes, oder?“ Besorgt betrachtete er mich, alle Schadenfreude war aus seinem Gesicht gewichen.
„Ach Toni, wenn ich es nur …“ Weiter kam ich nicht, als eine Welle der Übelkeit mich wieder zum Würgen brachte.
Iris sprang auf. „Wir warten nicht bis morgen“, bestimmte sie, „ich schau mal, wer Notdienst hat.“
„Mach das“, pflichtete Astrid ihr bei.
Nach wenigen Minuten kam Iris zurück ins Wohnzimmer. „Wir haben Glück, die Notfallpraxis ist gleich um die Ecke. Ich hab schon angerufen. Wir können sofort kommen.“
Und so verfrachtete Iris mich ins Auto, während Astrid und Toni, zum Warten verdammt, zurückblieben.
„Und?“ Astrid konnte sich nicht zurückhalten. Wie ein Überfallkommando stürmten Toni und sie auf uns zu, sobald wir das Haus betreten hatten.
„Lass uns doch erst mal ankommen“, ermahnte Iris sie mit einem Lachen in der Stimme zur Geduld. „Der Arzt sagt, Suzy hätte eine Augenentzündung.“ Iris hielt ihr ein kleines Fläschchen mit Tropfen unter die Nase. „Die soll sie zweimal am Tag bekommen.“
„Und das Kotzen hat auch damit zu tun?“ Skeptisch zog Astrid die Augenbrauen zusammen.
„Ein klares Nein“, schnitt Iris ihr das Wort ab. „Das ist scheinbar ein Zufall, die zwei Sachen haben nichts miteinander zu tun.“
Toni und mich interessierte die Unterhaltung wenig. Ich war froh, dass ich wieder zu Hause war, und ich glaubte, Toni ging es ähnlich. Wir zwei machten es uns auf unseren Kissen bequem.
„Er hat mir hier ein Rezept für Schonkost mitgegeben.“ Iris kramte ein Blatt Papier aus ihrer Tasche. „Ich glaube zwar kaum, dass Suzy das frisst, aber …“ Iris zuckte die Schultern.
Ein flüchtiger Blick reichte Astrid aus, um diese Annahme zu bestätigen. „Da isst sie eher gar nichts.“
„Denke ich auch.“ Iris wandte sich zu uns um. „Na ja, Hauptsache, es geht ihr bald besser.“
„Das klingt so, als wäre da noch was.“ Astrid kannte ihre Schwester lange genug, um den feinen Unterton zu erkennen.
„Na klar, Sis, die Rechnung.“ Iris legte das Blatt auf den Tisch.
„Wow, dagegen war Tonis Stöckchen-Abenteuer ja ein richtiger Schnapper.“
„Kann man wohl sagen. Aber wie gesagt, wenn es ihr besser geht, sind es die 200 Euro allemal wert.“ Ein kleines Grinsen zeigte sich auf ihren Lippen. „Schade nur, dass wir die Kotze nicht im Trophäenschränkchen neben Tonis Stöckchen aufheben können.“
„Boah Iris, jetzt ist aber gut.“ Astrid verzog angewidert das Gesicht. „Ekelhaft.“
Ich verschlief den Rest des Tages. Ich bekam zwar mit, dass Toni spazieren gegangen war, aber das interessiert mich nicht. Mein Bauch rumorte immer noch heftig und ich fühlte mich kraftlos. Ich wollte mich einfach nur gesund schlafen.
Am späten Nachmittag kämpfte ich mich von meinem Kissen. Ich musste mal Pippi und hatte Durst.
Iris arbeitet heute ausnahmsweise im Wohnzimmer, um mich besser im Blick zu haben.
„Na, willst du mal raus?“, erkannte sie meine Intention. Sie stand auf und öffnete die Terrassentür. Ich sah dankbar zu ihr auf. „Oh nein“, entfuhr es Iris unbedacht bei meinem Anblick. „Was ist denn jetzt los?“
Ich setzte erschrocken einen Schritt zurück.
„Nein, nein, alles gut, Mäuschen“, wiegelte Iris ab. Sie ging auf die Knie und streichelte mir den Rücken. „Alles gut“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Okay, dann geh mal raus.“ Mama gab mir einen kleinen Klaps und beobachtete dann besorgt, wie ich auf wackeligen Beinen durch den Garten streifte.
„Da wollen wir doch mal sehen, was Doktor Google zu Suzys Symptomen sagt.“ Iris setzte sich wieder an ihren Computer und nach wenigen Klicks hatte sie den Erfahrungsbericht eines anderen Hundehalters gefunden, der dieselben Symptome an seinem Hund beschrieb. Fassungslos schüttelte Iris den Kopf. „Und dafür haben wir jetzt 200 Ocken bezahlt.“ Fahrig kratzte sie sich über die Wange.
„Was machst du?“ Astrid kam mit zwei Tassen Kaffee in den Raum und stellte eine neben ihrer Schwester ab. Iris nickte kurz zum Dank.
„Ist Suzy draußen?“ Astrid stellte sich an die Terrassentür.
„Jepp, aber erschreck dich nicht, sie hat eine angeschwollene Schnauze“, erklärte Iris, als wäre das das Normalste von der Welt.
„Was?“
Alarmiert kam Toni aus dem Flur angelaufen. Nervös blickte er umher und bemerkte dann, dass Suzy draußen war. Er stellte sich vor die Terrassentür.
Lächelnd öffnete Astrid ihm die Tür. „Verrate mich nur nicht bei Christina*“, raunte sie ihm verschwörerisch zu und grinste breit.
„Was ist jetzt mit Suzy“, kam Astrid zurück zum Thema.
„Ich hab mal recherchiert und ich denke, sie hat eine Allergie, wahrscheinlich ist sie heute Morgen von irgendeinem Tierchen gestochen oder gebissen worden. Wahrscheinlich von einer Spinne.“
„Echt jetzt?“ Astrid konnte es nicht fassen.
„Ich hab hier einen Bericht gefunden, der ganz genau ihre Symptome beschreibt, vom Anschwellen bis zum Kotzen.“
Wie auf Kommando hörten die Schwestern Würgegeräusche von draußen. Astrid stürmte ans Fenster und beobachtete, wie ihre Hündin weißlichen Schaum hervorbrachte.
„Aber der Tierarzt?“, gab Astrid zu bedenken.
„Keine Ahnung“, Iris zuckte die Schultern. „Suzys Auge ist auf alle Fälle wieder normal, dafür hat sie jetzt ’ne dicke Schnauze.“
„Und nun?“ Astrid blickte ihre Schwester über die Schulter hinweg an.
„Augentropfen bekommt sie jedenfalls nicht und morgen gehen wir zu unserem Doc.“ Energisch klappte sie den Laptop zu. „Echt ein Witz.“
Die Nacht verlief für unser Quartett relativ ruhig.
Ich erbrach mich zwei weitere Male und schwoll zudem noch an der Stirn an, aber gegen 01.00 Uhr morgens fiel ich in einen tiefen Schlaf. Iris hatte die Aufgabe übernommen, Krankenwache zu halten. Sie kraulte und streichelte mich zur Beruhigung. Und allein ihre Nähe ließ mich schon etwas besser fühlen.
Kurz vor acht am nächsten Morgen hielt Iris ihr Telefon schon in der Hand und pünktlich zu Sprechstundenbeginn drückte sie die Anruftaste.
Sie erklärte der Arzthelferin das Problem und diese untermauerte, ohne dass sie mich gesehen hatte, dass es sich wohl um einen allergischen Schock handelt und man direkt vorbei kommen konnte.
Dieses Mal war Astrid an der Reihe, mich zum Tierarzt zu fahren. Derweil kümmerte sich Iris um Toni.
Nach einer knappen Stunde waren wir vier wieder im Wohnzimmer versammelt. Toni ausgelaugt vom Freilauf und ich erschöpft von den Geschehnissen des letzten Tages.
Wie angenommen hatte ich tatsächlich einen allergischen Schock. Der Tierarzt hatte mir sofort Cortison und etwas gegen die Übelkeit gespritzt, und schwupps wurde alles direkt besser.
„Tja, so war das, und das ist das Ende der Geschichte. Zum Glück ist nichts von den Schwellungen zurückgeblieben, das hätte echt meine Schönheit zerstört …“
Unerwartet prustet Toni lautstark los. „Jetzt halt mal den Ball flach, du bist zwar ganz süß, aber …“
Kämpferisch springe ich auf und baue mich demonstrativ vor meinem Mitbewohner auf.
„Überleg dir jetzt ganz genau, was du sagst, Großer.“ Meine Lefzen schnellen nach oben und geben mein schön gefährliches Grinsen frei.
Toni schluckt schwer. Langjährige Erfahrungen haben ihm gelehrt, wie weit er gehen kann. „Lass mich doch ausreden“, rudert er zurück. „Ich wollte sagen, du bist ganz süß, und nicht mal so eine Allergie kann deiner Schönheit einen Abbruch tun.“ Er stupst mich versöhnlich mit der Schnauze an.
Mein Grinsen wird breiter und verschluckt jegliche Gefährlichkeit. „Nochmal die Kurve gekriegt.“ Galant hebe ich die Pfote und streiche mir das abstehende Fell über meinem rechten Ohr glatt. „Denkst du wirklich, ich bin schön?“, hake ich nach.
Toni verdreht die Augen und wendet sich um. „Hab ich doch gesagt“, murmelt er im Weggehen. „Weiber.“
„Ja, das hast du und es ist für immer in meinem Kopf gespeichert.“
„Wie toll“, höre ich noch aus der Ferne.
„Hm, ganz genau.“ Keck drehe ich mich um und stolziere zu meinem Kissen. „Ein kleiner Schönheitsschlaf kann trotzdem nichts schaden.“
Herzlichst,
Suzy und Toni
*Hundetrainerin (siehe: Suzy, Christina und das Uschi-Prinzip)