Das Badezimmergeheimnis
oder
Psycho für Anfänger
„Was lungerst du denn hier im Flur rum?“ Schon eine ganze Weile hatte Suzy ihren Mitbewohner von der Wohnzimmertür aus beobachtet, wie dieser den Flur auf und ab lief, jedes Mal vor der geschlossenen Badezimmertür verweilte, in unregelmäßigen Intervallen sogar daran schnupperte, sich dann vor besagter Tür ablegte, nur um im nächsten Moment die Prozedur von vorne zu beginnen.
„Mama ist da drin und sie hat einfach die Tür zugemacht.“ Toni klang sichtlich enttäuscht.
„Ja und?“, mischte sich nun auch Rose ein. „Solange da kein Essen drin versteckt wird, ist mir das ziemlich egal.“ Die Dackeldame schob sich mit ihrem Rolli an Suzy vorbei. „Oder glaubst du, es besteht die Möglichkeit, dass wir hinter der Tür Futter finden?“ Eifrig näherte sie sich der Tür.
„Bestimmt nicht.“ Stoppte Suzy ihren Vorwärtsdrall und verdrehte die Augen. „Das ist das Badezimmer und …“
Enttäuscht ließ Rose den Kopf hängen. „Ja, richtig“, seufzte sie auf, „lass dir sagen, Toni, da drinnen passiert absolut nichts Aufregendes.“
Toni sprang nervös auf. „Woher weißt du das?“ Sein Blick richtet sich durchdringend auf seine kleine Freundin. „Gestern im Film, den ich mit Mama Iris gesehen habe …“
„Glaube mir“, unterbrach ihn Rose forsch, „ich war schon öfters bei meiner Mama im Badezimmer, und außer Frisieren, Schminken und all so einem Quatsch geht da überhaupt nichts ab.“ Die Dackeldame zuckte die Schulter. „Endlos langweilig.“ Mittlerweile hatte sie sich gut an ihren Rolli und sein Handling gewöhnt. Galant trippelte sie zwei Schritte zurück, drehte sich dann in einem perfekten Halbkreis und verschwand wieder im Wohnzimmer.
„Aber warum darf Rose mit ins Badezimmer und wir müssen vor verschlossener Tür warten?“, überlegte Toni angestrengt.
„Mensch Tönchen“, Suzy drückte sich verschwörerisch an seine Seite. „Erinnere dich doch an die Worte von Christina*, der Kontrolletti bleibt draußen.“
„Was soll das denn heißen?“ Toni stampfte mit seiner Pfote auf. „Ich bin kein Kontrolletti, ich will nur wissen, was hinter dieser Tür vor sich geht.“ Er presste stur seine Lippen zusammen.
„Dann bleib halt hier. Rose und ich entspannen uns derweil eine Weile. Du weißt ja, wo du uns findest.“ Nicht weniger galant als ihre Vorgängerin drehte Suzy sich um und folgte Rose Richtung Kuschelkissen.
„Ja, ja“, maulte er mürrisch, „und dabei dachte ich immer, Weiber seien so neugierig.“
„Das liegt daran, dass wir keine Weiber sind.“ Suzy hatte Tonis Kommentar sehr wohl gehört. „Wir sind Damen“, bemerkte sie im Brustton der Überzeugung.
„Ganz genau“, kam prompt eine weitere Bestätigung aus dem Wohnzimmer.
Toni verdrehte theatralisch seine Augen. „Sicher. Damen, dass ich nicht lache.“
„Pff, spiel du mal schön weiter, Sheriff Chambers*.“
Toni runzelte verständnislos die Stirn. „Wer?“
„Tja, wenn du das nicht mal weißt, hast du bei dem Film gestern wohl doch nicht so gut aufgepasst.“ Ohne weitere Erklärung verschwand Suzy im Wohnzimmer.
„Blablabla“, maulend ließ sich Toni gegenüber der Badezimmertür nieder.
Er lauschte angestrengt, doch konnte er nichts Ungewöhnliches vernehmen. Mal hörte er Wasser rauschen, dann einen Föhn, dann herrschte lange Stille. Aus dem angrenzenden Wohnzimmer drangen leise Schnarchlaute an sein Ohr. Ein schmales Grinsen zeigte sich auf seinen Lippen. ‚Damen‘, dachte er noch, während auch seine Augenlider immer schwerer wurden und drohten zuzufallen.
Kurz bevor der Schlaf seine Tentakeln nach Toni ausstrecken konnte, ertönte ein schriller Schrei hinter der Badezimmertür, gefolgt von einer Tirade an Schimpfwörtern.
„Mama“, Toni sprang hektisch auf und postierte sich vor der Tür. Seine Krallen kratzten über die Türzarge. „Mama“, versuchte er es erneut. Just in diesem Moment schwang die Tür auf und Astrid erschien, ein Handtuch um ihren Körper geschlungen, im Türrahmen.
Toni glaubte, Tränen in ihren Augen glänzen zu sehen, und wich einen Schritt zurück.
„Nicht jetzt, Toni“, fuhr Astrid ihn barsch an und schob sich an dem Rüden vorbei.
Toni schnappte überrascht nach Luft, so hatte er seine Mama noch nie erlebt. „Geh ins Wohnzimmer und stör mich hier nicht“, forderte Astrid ihn auf.
Tonis Gedanken fuhren Achterbahn, hier stimmte eindeutig etwas nicht.
Astrid schob ihn mit einer Hand aus dem Weg und zog mit der anderen Hand die Badezimmertür zu. Doch bevor diese endgültig ins Schloss fallen konnte, erhaschte Toni einen Blick in den Raum. Der Anblick raubte ihm den Atem. Seine Augen wurden groß. Eine riesige Blutlache bedeckte den Fliesenboden, mit einem Handtuch war fahrig Blut aufgewischt worden und lag jetzt als schreckliches Indiz in einer Ecke. Blut, überall war Blut.
Erschrocken blickte Toni zu Astrid auf, auf der Suche nach verräterischen Spuren. Aber er konnte nichts feststellen und schon im nächsten Moment war sie in ihrem Schlafzimmer verschwunden.
Einen Augenblick stand Toni wie erstarrt, war seine Mama eine psychopathische Mörderin? Er schüttelte den Kopf. Er musste mit den Mädels, nein Damen, sprechen. Ungestüm machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte ins Wohnzimmer.
„Suzy, Rose, Suzy, Rose“, rief er atemlos, „ihr glaubt nicht, was ich herausgefunden habe.“ Er schnappte nach Luft. „Ich kann es selber kaum glauben.“
Suzy blinzelte mit den Augen. „Ich hoffe für dich, es ist wirklich so unglaublich, wie es den Anschein hat.“
„Hat es was mit Essen zu tun?“, fiel Rose ihrer Freundin ins Wort. Allein die Ausssicht auf etwas zu essen weckte ihre Lebensgeister schlagartig.
Suzy starrte sie mit offenem Mund an. „Dein Ernst? Essen?“
„Na was denn, ist doch total wichtig.“
„Schluss jetzt“, Toni hatte genug von dem weibischen Geplänkel, „ich glaube, Mama hat jemanden umgebracht“, raunte er verschwörerisch und beugte sich zu den Hündinnen hinunter, „das ganze Badezimmer ist voller Blut, und ich glaube, sie hat sogar geweint und …“
„So ein Quatsch“, beendete Suzy seine irrsinnige Beweisführung. „Unsere Mamas sind die liebsten Menschen, die bringen doch keinen um.“
Toni nippelte nervös an seiner Unterlippe. „Ja schon, aber ich weiß, was ich gesehen habe, und vielleicht schlummert in Mama so ein kleiner Norman Bates*“, versuchte er, seine Indizien zu untermauern. „Der war ja auch total lieb und freundlich und …“
Suzy rollte die Augen. „Na, wenn schon, dann eine Norma Bates, aber …“
„Norma?“, fiel ihr der Dackel ins Wort. Die kleine Hündin kämpfte sich von ihrem Kissen. „So heißt doch ein Lebensmittelgeschäft, da gibt es super Hundeleckerchen und …“
„Rose“, riefen Suzy und Toni unisono, „es reicht, es geht nicht immer nur ums Essen.“
Eingeschüchtert senkte Rose ihr Haupt.
„Hier geht es um Mord“, ließ sich Toni nicht von seiner Erkenntnis abbringen.
Suzy schüttelte ungläubig den Kopf. „Wohl eher um männliche Fantasie.“
Rose prustete los. „Männlich, dass ich nicht lache.“ Suzy konnte sich ein zustimmendes Kichern nicht verkneifen.
„Ach, ihr seid doof“, brach es aus Toni heraus. „Ich werde es euch beweisen“, verkündete er zuversichtlich und stapfte zurück in den Flur.
Unschlüssig stand er vor der Badezimmertür. Vorsichtig drückte er mit seiner Schnauze gegen das Türblatt, aber erfolglos, die Tür ließ sich nicht öffnen. ‚Hhm, was soll ich jetzt nur machen?‘, überlegte er noch, als er aus Astrids Schlafzimmer Geräusche hörte.
Vorsichtig schlich er sich an. Ein kalter Schauer der Erregung durchlief seinen Körper. So musste sich ein Geheimagent auf einsamer Mission fühlen. Aufgeregt und vorsichtig zugleich trippelte er vorwärts. Die Geräusche verwandelten sich in Worte, je näher er dem Schlafzimmer kam.
Er verharrte an der Tür und lauschte.
„… ach ja, Pflaster kannst du mitbringen und eine Rolle blaue Säcke“, vernahm er Astrids Stimme.
Toni schnappte erschrocken nach Luft. „Blaue Säcke? Wofür braucht Mama blaue Säcke?“ Seine Augen wurden groß. „Um die Leiche zu beseitigen“, gab er sich die Antwort selber. „Oh nein!“
Er spurtete zurück ins Wohnzimmer. „Ich hatte recht, ich hatte recht“, proklamierte er lautstark.
Suzy stöhnte auf. „Ach Toni, nicht schon wieder.“
„Wenn ich es euch sage, Mama hat eben telefoniert und hat gesagt, sie braucht blaue Säcke.“
„Ja und?“, mischte sich Rose gähnend ein. „Was soll das denn beweisen? Vielleicht will sie ein paar Sachen entsorgen oder …“
„Keine Sachen, meine Liebe.“ Toni beugte sich zu der Dackeldame herunter und flüsterte kaum hörbar. „Leichenteile, sie will Leichenteile entsorgen.“
Rosi starrte ihn mit offenem Mund an. „Aber welche Leiche denn? Es war doch niemand hier außer uns …“
„Ach Papperlapapp“, ließ sich Toni auf keine Diskussion ein, „irgendwo wird sie schon jemanden zum Ermorden herhaben.“
Suzy seufzte auf. „Du solltest aufhören so viele Horrorfilme zu sehen, das macht dich noch ganz kirre. Ist doch total unrealistisch, was du da von dir gibst.“ Sie strich sich mit der Pfote über die Schnauze.
„Das sehe ich allerdings genauso“, mischte sich Rose in das Gespräch ein.
Toni schüttelte stur den Kopf. „Ich weiß, was ich gesehen und gehört habe, da stimmt etwas nicht.“
„In deinem Kopf stimmt was nicht“, gab Suzy spitz zurück, „und zwar ganz gehörig nicht.“
„Aber …“, begann Toni vehement, als ein „Hey Hundis“ aus Astrids Mund die Diskussion jäh beendete.
Sechs Hundeaugen starrten erschrocken in Astrids Richtung.
„Alles klar bei euch?“ Stutzig beäugte sie das Trio.
Suzy war die erste, die aus ihrer Starre erwachte, und begrüßte ihre Mama überschwänglich. „Na, Kleine.“ Astrid streichelte ihr ausgiebig den Rücken. Auch Rose rappelte sich schließlich von ihrem Kissen auf, die Aussicht auf Streicheleinheiten wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Und Astrid enttäuschte sie nicht. Genüsslich ließ sie sich die Ohren kraulen. Doch dann stieg Rose ein seltsam vertrauter Geruch in die Nase und sie wandte ihren Kopf ab. Ihre Nase streifte Astrids Bein. Ihre Zunge schnellte nach vorne und sie schleckte über die noch feuchte Haut.
„Lass das, Rosi“, lachte Astrid auf, als der Dackel ihr Bein ableckte, „ich habe mich da geschnitten, das möchte ich nicht.“ Sanft schob sie den Dackel zur Seite.
Toni beobachtete die Szene skeptisch und schlich Richtung Flur. „Was ist denn los, Großer?“, bemerkte Astrid das seltsame Verhalten des Rüden. „Willst du nicht gekrault werden?“
Für einen Moment stutzte Toni, aber schließlich obsiegte seine Neugier. Zielstrebig marschierte er in den Flur. Astrid zuckte die Schultern. „Dann nicht.“ Und wandte sich wieder den Hundedamen zu.
Derweil stellte Toni freudig erregt fest, dass die Badezimmertür jetzt offenstand. Er lugte vorsichtig hinein. Ihn beschlich ein gewisses Unbehagen, fast so etwas wie Angst vor dem, was er vorfinden würde. Er atmet tief ein. Sein Blick schweifte über den Fliesenboden und die Dusche, doch er konnte nichts Verdächtiges feststellen, keine Blutlache, keine Blutspritzer, nichts. Einzig über dem Waschbeckenrand hing ein Handtuch, das einige rote Flecken aufwies. Fassungslos schüttelte er den Kopf.
„Und das sind jetzt die Spuren deines Massakers?“
Toni zuckte erschrocken zusammen. Suzy war ihm heimlich nachgeschlichen und lugte an ihm vorbei ins Badezimmer. „Also, wenn das alles ist, dann herzlichen Glückwunsch. Was soll den hier zerstückelt worden sein?“ Sie kicherte hämisch.
Toni ließ traurig den Kopf hängen. „Aber, aber da war doch so viel Blut …“, stammelte er kleinlaut. „Ich verstehe es nicht?“
Suzy zuckte die Schultern. „Ich sag doch, du guckst zu viele Horrorfilme. Mama hat doch gerade gesagt, dass sie sich geschnitten hat.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Deine Fantasie hat dir einfach einen Streich gespielt“, gab sie sich versöhnlich und trippelte dann zurück ins Wohnzimmer.
Rose hatte in der Zwischenzeit die Gunst der Stunde genutzt und schlief, dicht an Astrid gekuschelt, tief und fest.
Suzy zwängte sich dazu und kurze Zeit später fand auch Toni seinen Platz bei den Mädels.
„Na, Großer, alles klar?“ Astrid wuschelte ihm durch das Fell und Toni ließ es sich zufrieden gefallen.
Kurze Zeit später hörten sie das Öffnen der Haustür. „Hallöchen, ich bin zu Hause.“
Suzy und Toni sprangen auf und rasten in den Flur, um Mama Iris zu begrüßen. „Hallo ihr zwei, hattet ihr einen schönen Nachmittag?“ Das aufgeregte Kreisen ihrer Ruten sprach eine eindeutige Sprache.
Die Hunde im Schlepptau betrat Iris das Wohnzimmer.
„Hey Sis“, begrüßte Iris ihre Schwester. Rose fühlte sich gleich mitangesprochen und hob erwartend den Kopf. „Hallo Röschen.“ Iris drückte Rose einen Knutscher auf den Kopf und streichelte ihr den Bauch.
„Ich hab alles bekommen“, wandte sie sich dann wieder an Astrid. „Der Norma ist echt gut sortiert.“
Wie auf Kommando blickten sich die drei Hunde an. „Norma?“, flüsterte Toni, „das hatten wir doch heute schon mal.“
Suzy neigte den Kopf. „Zufall“, murmelte sie in Tonis Richtung. Während Rose ganz andere Schlüsse zog und voll aufgeregter Erwartung mit den Vorderbeinchen trippelte.
„Ich hab sogar was Leckeres für unsere Mäuse bekommen.“
Rosi grinste breit. „Habe ich doch gesagt, bei Norma gibt es super Sachen.“ Aufgeregt hüpfte sie auf und ab.
Astrid lachte auf. „Allein die Aussicht auf was zu essen lässt den Dackel ausflippen.“
„Tja, da macht man nichts.“ Iris kramte in ihrer Einkaufstasche. „Hier erstmal dein Pflaster und die blauen Säcke und hier …“
Zermürbend langsam griff sie wieder in die Tasche. Rosi fiepte aufgeregt. Toni und Suzy hatten sich zwischenzeitlich von der Aussicht auf ein Leckerchen anstecken lassen und tänzelten fordernd um Iris herum.
„… für jeden ein Schweineöhrchen“, erlöste Iris schließlich die Dreierbande.
Lachend verteilte sie die Leckerlis. „Ihr seid schon welche.“
Und während die Hunde genussvoll kauten, versorgte Astrid ihre Wunden, verpackte dann die Kleider für die Altkleidersammlung in die blauen Säcke und Iris nutzte die Gelegenheit und sah sich die Fortsetzung von Psycho im Fernsehen an … natürlich nicht ohne einen heimlichen Zuschauer …
Herzlichst,
Suzy, Toni und Rose
* Christina: Hundetrainerin (siehe Suzy, Christina und das Uschi-Prinzip
Sheriff Chambers: Polizist aus Psycho (Horrorfilm von Alfred Hitchcock, 1960)
Norman Bates: psychopathischer Killer aus Psycho