Antizyklisches Einkaufen
oder
Hunde im Pelz bei 30 Grad
„Also, ihr Menschen seid schon eine seltsame Rasse“, bemerkt Suzy lapidar und schüttelt den Kopf.
„Von so etwas wie antizyklischem Einkaufen habe ich noch nie gehört. Wusste bis dato nicht mal, dass es so etwas gibt, geschweige denn, was das überhaupt ist .“ Sie rümpft ihre Nase. „Na, wahrscheinlich, weil das totale Kacke und völlig überflüssig ist“, überlegt sie laut.
„Völlig unsinnig“, stimmt Toni seiner Mitbewohnerin zu, „antizyklisches Einkaufen, so ein Quatsch.“ Toni neigt leicht den Kopf. „Das ist ja genauso, als würde ich immer weiteressen, auch wenn ich keinen Hunger mehr habe, nur weil sich die Möglichkeit bietet. Das heißt aber nicht, dass ich dann auch noch satt bin, wenn ich wirklich Hunger habe und …“
Suzy stöhnt genervt auf.
„Schon gut, Toni“, unterbricht sie den Redefluss des Rüden, „diese Geschichte wird schließlich von den Erfindern des antizyklischen Einkaufens gelesen, denen brauchst du nichts erklären, oder sie über Sinn oder Unsinn der ganzen Sache in Kenntnis setzen.“
Enttäuscht schiebt Toni seine Unterlippe vor. „Aber ich wollte doch nur …“
„Wie dem auch sei“, reißt Suzy das Wort wieder an sich. Die schwarze Hündin bringt sich in Position und atmet tief ein.
„Alles begann an einem Tag im Juli. Der Sommer hatte richtig Fahrt aufgenommen und das Thermometer auf dreißig Grad und mehr in die Höhe getrieben.“
„Boah, ich komm heute noch ins Schwitzen, wenn ich daran zurückdenke.“ Toni stöhnt theatralisch auf und lässt sich auf seine blaue Kühlmatte fallen. „Diese Matte ist echt die beste Erfindung ever, macht einen schön kühlen Hintern und ist im Sommer eindeutig der Place to be.“
„Sehr interessant, Toni, aber unterbrich mich nicht ständig.“ Suzy schüttelt den Kopf und holt tief Luft.
„Also an einem Tag in diesem heißen Juli kam Astrid, ein Werbeprospekt schwenkend, ins Wohnzimmer gestürmt. ‚Unser Lieblingshundeausstatter hat Midsummer Sale‘, stieß sie euphorisch aus und blickte uns erwartungsvoll an.
Doch mehr als ein kurzes Wackeln mit der Rute konnte sie uns mit der Ankündigung nicht entlocken.
‚Das wird sicher lustig, ein richtiger Spaß‘, ließ sie sich nicht entmutigen. Die günstige Gelegenheit, neue Wintermäntelchen für Toni und Suzy zu kaufen, wollte sie sich nicht entgehen lassen und versuchte jetzt, ihre Schwester zu überzeugen.
Iris brachte ein gequältes ‚Mmh‘ über ihre Lippen. ‚Bei dieser Hitze? Ich weiß nicht.‘
‚Oh Mann, Sis, erstens gibt es Klimaanlagen und zweitens ist das die Gelegenheit, ein echtes Schnäppchen zu machen.‘ Sie stupste ihre Schwester aufmunternd gegen die Schulter. ‚Antizyklisches Einkaufen, du verstehst?‘ Sie zwinkerte verschwörerisch. ‚Und schau, Toni und Suzy sind schon ganz aufgeregt.‘
Iris‘ Blick fiel auf die Hunde, die alles andere als begeistert schienen und ihre Hinterteile genüsslich auf der Kühlmatte platziert hatten.
‚Ich bin mir da nicht …‘
‚Keine Widerrede‘, ließ Astrid keinen Einspruch zu und verfrachtete uns alle Mann ins Auto.
Und so nahm das Unheil seinen Lauf.“
„Okay, ich muss zugeben, im Hundeladen war es angenehm kühl. Aber das war auch das Einzige, womit Astrid richtig lag, denn es wurde weder lustig noch spaßig.“
Suzy zieht ihre Stirn in Falten. „Bei der Erinnerung daran, treten mir jetzt noch die Schweißperlen auf die Stirn.“ Sie schüttelt sich. „Einfach schrecklich.“
„Wie dem auch sei, wir vier stürmten also besagten Laden. Offensichtlich waren unsere Mamas nicht die Einzigen, die das Werbeangebot erhalten hatten und auf ein Schnäppchen hofften. Der Laden war ziemlich gut besucht, um nicht zu sagen voll, aber das hielt Astrid nicht von ihrer Mission ab. Zielstrebig stürzte sie sich, mit uns im Schlepptau, auf die Regale mit Hundemänteln.
Zwischenzeitlich hatte sich Iris von der Euphorie anstecken lassen. Unsere Mamas wetteiferten förmlich darum, wer das schönste Mäntelchen finden würde.
In einer endlos scheinenden Wiederholung fielen Sätze wie ‚Oh, schau mal, wie schön. Lass Toni das mal anprobieren und das hier für Suzy.‘
Ich kann euch sagen, trotz Klimaanlage kamen wir ganz schön ins Schwitzen.“
Toni nickt zustimmend. „Das war richtig, richtig heiß.“
Suzy verdreht die Augen. „Danke für deinen Input, Toni.“ Sie blickt Toni anklagend an. „Darf ich jetzt weitererzählen?“
In typischer Toni-Art zuckt der Rüde nur die Schultern und lässt sich auf sein Kissen plumpsen.
Suzy räuspert sich dramatisch und verdreht die Augen.
„Ich will ja niemanden langweilen“, fährt sie mit der Erzählung fort, „aber so ging das bestimmt zwei Stunden lang, und am Ende waren wir stolze Besitzer von zwei blau karierten Hundemänteln mit weichem Fell im Partnerlook.
Zu Hause angekommen wurden die Errungenschaften nochmals begutachtet und ladeten dann im Schrank bei den Hundedecken, Hundehandtüchern und anderem Hundekram.
Und dort verweilten sie, bis der Sommer vorbeigezogen und der Herbst so langsam in den Winter übergegangen war.
Unsere Leuchtgeschirre, die wir morgens und abends bei Dunkelheit trugen, waren schon eine ganze Weile in Gebrauch, doch noch hatte der Winter seine kalten Finger nicht ausgestreckt und die Temperaturen lagen noch bis in den Dezember hinein im Plusbereich.
Doch dann kündigte sich der erste Frost an.
‚Die Nacht soll richtig kalt werden‘, verkündete Astrid mit einem Blick auf ihre Wetter-App, ‚es wird Zeit, die Mäntelchen auszukramen, nicht dass unsere Kleinen frieren.‘ Liebevoll wuschelte sie uns durchs Fell.“
Toni schmatzt genüsslich auf seinem Kissen. „Ich liebe Streicheleinheiten“, murmelt er dazwischen, doch dieses Mal lässt Suzy die Unterbrechung ungeahndet. „Ich auch“, stimmt sie stattdessen zu.
„‚Ich mach das mal‘, verkündete Astrid und verschwand im Keller. Toni und Suzy schauten sich verdutzt an. ‚Sind die nicht hier?‘, fragte die Hündin leise und deutete mit dem Kopf auf den Schrank. ‚Glaub schon, aber wer weiß.‘
Ein ‚Iris, sag mal, weißt du, wo wir die Mäntel hingepackt haben?‘ aus dem Keller gab unsere Annahme recht.
Iris verdrehte theatralisch die Augen und warf uns ein breites Grinsen zu.
‚Ich kann euch sagen, wenn Astrids Kopf nicht angewachsen wäre, wüsste sie auch nicht, wo sie den abgelegt hat.‘ Sie schüttelte den Kopf. ‚Im Hundeschrank Sis, wo auch sonst‘, rief sie in Richtung Kellertreppe und zog die Mäntel aus dem Schrank hervor.“
„Um fünf Uhr am nächsten Morgen klingelte, wie immer, Iris‘ Wecker. Noch im Halbschlaf drückte sie die Schlummertaste.
‚Guten Morgen, meine Süße‘, nuschelte sie Suzy leise ins Ohr und streichelte ihr sanft über den Kopf. ‚Da wollen wir mal sehen, was der Tag so bringt.‘
Iris streckte ihre Arme über den Kopf und wie auf Kommando sprang Suzy auf ihre Brust und leckte ihr freudig über das Gesicht.
Der Wecker ertönte zum zweiten Mal und beendete das Morgenritual. ‚Also los.‘ Die Hündin sprang vom Bett und raste in Astrids Schlafzimmer, wo sich das Ritual wiederholte.
‚Guten Morgen, Großer‘, wurde nun auch Toni, der die Nacht, wie meistens, im Flur verbracht hatte, begrüßt. Der Rüde hob seinen Kopf und ließ sich genüsslich hinter den Ohren kraulen.“
„Nachdem Iris sich angezogen hatte, waren endlich wir an der Reihe.
‚Dann kommt mal her‘, rief sie uns heran. Wir stürmten auf sie zu, voller Aufregung und Freude auf den Spaziergang.
‚So, Toni, dann wollen wir mal sehen.‘ Iris griff das blau karierte Mäntelchen und legte es Toni an. ‚Perfekt‘, verkündete sie stolz. ‚Du siehst klasse aus.‘ Der Rüde tippelte aufgeregt mit den Vorderpfoten.
‚Und jetzt die süße Suzy.‘ Das ließ sich die Hündin nicht zweimal sagen. In null Komma nichts war sie an Iris‘ Seite. Mit wenigen Handgriffen saß auch ihr Mäntelchen perfekt.
‚Ihr seht total süß aus, meine Mäuse.‘
Toni und Suzy tanzten, wild wedelnd um sie herum.
‚Okay, jetzt noch die Geschirre und dann …“ Iris nahm Tonis Leuchtgeschirr vom Haken und zog es dem Rüden über den Kopf.
Erste Skepsis machte sich in ihr breit und sie runzelte die Stirn. ‚Ich glaube …‘, mutmaßte sie leise und versuchte, das Geschirr über den Mantel zu ziehen.
‚Kacke‘, entfuhr es ihr laut.
Die Hunde blickten sich erschrocken an und wichen einen Schritt zurück, aus Angst, etwas falsch gemacht zu haben.
‚Nein, nein‘, beschwichtigte Iris sofort, ging neben ihnen in die Hocke und streichelte sie liebevoll.
‚Astrid‘, ruft sie in Richtung Schlafzimmer, ‚das passt nicht.‘
Ein verschlafenes ‚Mmh‘ ließ sich vernehmen. ‚Ich hab schon gehört … Kacke.‘
Astrid quälte sich aus dem Bett. ‚Was passt denn nicht?‘ Sie schlurfte auf uns zu, die Augen nur zu Schlitzen geöffnet.
‚Die Geschirre passen nicht über die Mäntel, das ist viel zu eng.‘
‚Mmh, dann zieh sie doch drunter‘, schlug Astrid schläfrig vor und gähnte hinter vorgehaltener Hand.
Toni, Suzy und Iris blickten sich fassungslos an. Unisono schüttelten das Trio die Köpfe.
‚Mensch Sis, schalte mal dein Gehirn ein. Was nutzt es denn, wenn die Leuchtgeschirre unter den Mänteln sind?‘
Suzy grinste hämisch. ‚Scheiß Antibla Einkaufen‘, raunte sie in Tonis Richtung, ‚alles für’n Arsch.‘
Toni nickte zustimmend.
‚Ja, dann weiß ich auch nicht‘, nuschelte Astrid und trottete zurück ins Bett.
‚Tja, meine Mäuse, dann müssen wir eben etwas schneller laufen, damit ihr nicht friert.‘
Toni sprang auf und tanzte umher. ‚Geht es endlich los, geht es endlich los.‘
Die Mäntel landeten unzeremoniell in einer Ecke, die Leuchtgeschirre waren ruckzuck angezogen und wir waren startklar.“
Suzy grinst amüsiert. „Ihr Menschen seid manchmal wirklich etwas verpeilt.“ Sie seufzt leise auf.
„Nach einer guten Stunde waren wir drei, leicht durchgefroren, aber gut gelaunt zurück.
Auch Astrid hatte in der Zwischenzeit ihren Weg unter die Lebenden gefunden und begrüßte uns an der Haustür.
Leckerer Kaffeeduft schlug uns entgegen.
‚Na, ausgeschlafen?‘ Iris stupste ihre Schwester leicht gegen die Schulter.
‚Nee, abgebrochen‘, maulte sie immer noch leicht mürrisch.
Iris lachte auf und schob sich an ihrer Schwester vorbei in den Flur.
‚Ihr seid ja ganz kalt‘, bemerkte Astrid, während sie die beiden Hunde mit einer ausgiebigen Streicheleinheit begrüßte. ‚Schade, dass das mit den Mäntelchen nicht geklappt hat.‘
‚Hätten wir vorher mal probieren sollen, aber das ist ja mal wieder so typisch Menden.‘ Das Schmunzeln in Iris‘ Stimme war deutlich zu hören.
‚Und was machen wir jetzt?‘ Astrid blickte fragend in die Runde.
‚Na, was wohl? Irgendwas Neues besorgen. So geht es jedenfalls nicht.‘
Am Frühstückstisch wurde kurzum beschlossen, den heutigen Samstag zu nutzen, um neue Mäntelchen zu besorgen.
Am späten Vormittag erreichten die Vier den Hundeladen.
Deutlich weniger Autos belegten die Parkplätze vor dem Geschäft, und auch drinnen war es um einiges leerer und angenehmer.
‚Wir suchen Hundemäntelchen, und am besten mit integrierter Beleuchtung‘, wandte sich Iris an eine Verkäuferin.
Suzy stupste Toni mit meinem Hinterteil an. ‚Superstylisch‘, raunte sie ihrem Mitbewohner zu und folgte der Verkäuferin mit tänzelndem Schritt.
Toni tat es ihr nach. Wie Supermodels wackelten sie mit ihren Hinterteilen und ließen ihre Ruten zum Takt der Schritte kreisen.
‚Um ehrlich zu sein‘, erklärte die junge Frau etwas peinlich berührt, ‚haben wir nur noch ein Modell mit integrierter Beleuchtung.‘ Sie räusperte sich unbehaglich. ‚Sie sind etwas spät dran.‘
Iris zuckte die Schultern und blickte ihre Schwester vielsagend an. ‚Bestimmt teuer“, murmelte sie leise und pustete die Luft aus.
Die Verkäuferin zog das entsprechende Modell heraus.
‚Wow‘, frohlockte Suzy, als sie die Kreation erblickte. Ihre Augen glänzten vor Ehrfurcht. ‚Wie cool‘, raunte sie in Tonis Richtung, ‚da können die blauen Mäntel aber nicht mithalten.‘
‚Oh yeah.‘ Auch Toni gefiel, was er sah.
Der Mantel in schwarzer Steppoptik mit hellem Paisleymuster und dunklem Futter glich einem Haute-Couture-Modell.
‚Und hier‘, die Verkäuferin drückte auf einen Kopf, der in den Kragen eingearbeitet war, ’schalten sie das Licht an und aus‘, erklärte sie.
‚Toll‘, entfuhr es Iris beeindruckt, als unzählige kleine LEDs den Mantel wie Sterne den Nachthimmel erstrahlen ließen, ‚das ist ja echt cool.‘
‚Und kostet?‘, kam Astrid nicht umhin zu fragen.
Die Verkäuferin hielt ihr das Preisschild hin.
‚Was? Ich will nicht die ganze Firma kaufen‘, entfuhr es ihr, leicht geschockt.
‚Stell dir mal vor, wie toll unsere zwei damit aussehen werden‘, mischte sich Iris ein,’einfach zuckersüß, in ihren Leuchtkutten.‘
Astrid nickte kurz. ‚Sicher, da hat sich ja der Trip im Sommer so richtig gelohnt‘, bemerkte sie sarkastisch.
‚Ich versteh nicht‘, warf die Verkäuferin ein.
‚Schon gut, das ist ein interner Gag‘, erklärte sie. Ein breites Grinsen zog an ihren Lippen.
‚Die nehmen wir‘, bestätigte Iris die Entscheidung, ’so haben wir in der kalten Dunkelheit keine Probleme mehr.‘
Toni und Suzy nickten zustimmend. ‚Und sehen auch noch mega aus‘, flüsterten sie sich zu.“
„Tja, von wegen antizyklisches Einkaufen spart Geld“, Suzy schüttelt den Kopf. „Am Ende haben unsere Mamas doppelt oder gar dreifach gezahlt“, resümiert Suzy die Ereignisse. „Wie hat ein schlauer Hund mal gesagt- ‚Denke nach und werde reich’*, fährt sie in Oberlehrermanier fort.
Toni räuspert sich. „Ich glaube, das war kein Hund“, wagt er, Suzy zu widersprechen.
„Meine Güte, dann eben ein Mensch, ist doch egal.“ Suzy zuckt gelangweilt die Schultern. „Jedenfalls haben unsere Mamas draufgezahlt in ihrer Jagd nach einem Schnäppchen. So wird das nie was mit dem Reichtum.“
„Ja schon, aber irgendwer Kluges hat bestimmt auch mal gesagt – ‚Zwei Mäntel sind besser als einer‘, so what?“, lässt sich Toni vernehmen. Der Rüde gähnt lautstark und rollt sich auf seinem Kissen zusammen. „Solange das Geld noch für Leckerchen reicht, ist mir das alles ziemlich egal“, murmelt er im Halbschlaf.
Suzy grinst verschmitzt. „Mir auch, aber trotzdem, das musste einfach mal gesagt werden.“
Galant springt sie auf das Sofa und kuschelt sich in die Kissen.
„Antizyklisches Einkaufen braucht kein Hund“, nuschelt sie noch und driftet ab in ihre Traumwelt.
Herzlichst,
Suzy und Toni
*Napoleon Hill (amerikanischer Schriftsteller, 1883- 1970)
PS: Das beschriebene Wintermäntelchen mit integrierter Leuchtfunktion gibt es so nicht, jedenfalls nicht, dass ich wüsste. In einem Anflug von künstlicher Freiheit habe ich sein Aussehen etwas aufgepeppt.