Suzy und Toni

Das Teilzeitrudelmitglied
oder
Wie ich Queen Mum wurde

„Hallo, ich bin Rose, um genauer zu sein, Wilde Rose vom Rehsprung, meines Zeichens eine Tigerdackeldame und die beste, nein, die allerbeste Freundin von Suzy und Toni.“

Rose rutscht auf ihrer Decke hin und her und zupft genervt an ihrer Windel.

„Wundert euch nicht“, bemerkt sie lapidar, „seit ein paar Monaten kann ich leider nicht mehr laufen und auch meine Blase funktioniert nicht mehr so, wie sie soll. Aber das ist ein anderes Thema und gehört nicht hierher. Nur eins dazu, mit echten Freunden an der Seite kann man selbst das größte Handicap meistern.“

„Um unsere tierische Beziehung zu verstehen, muss ich ein bisschen ausholen“, beginnt sie mit verschwörerischem Unterton.
„Alles begann vor fast acht Jahren. Ich erinnere mich noch wie gestern an diesen schicksalhaften Tag, als Iris in mein Leben trat.
Damals begann sie für meine Mama und meinen Papa zu arbeiten und wurde quasi nebenbei meine Nanny.
Vom ersten Tag stimmte die Chemie zwischen uns beiden, und das lag nicht nur an den Leckerchen in ihrer Hosentasche, auch wenn diese keine unbedeutende Rolle gespielt hatten. Die Liebe eines Dackels geht nun mal durch den Magen.“

Rose schmatzt und grinst versonnen bei dem Gedanken an Cookies und selbstgebackene Leberwurstmuffins.

„Auch mit Astrid und ihrem damaligen hündischen Mitbewohner Gismo kam ich super klar.
Aber gut, wer kann einem Dackel schon widerstehen.“

Leicht arrogant wiegt Rose ihren Kopf. „Ich bin eben perfekt.“ Sie grinst selbstverliebt und seufzt dann leise auf. “ Aber ich schweife vom Thema ab.“
Sie richtet ihren Blick wieder nach vorne.

„Die Jahre gingen dahin und ich wurde ein fester Bestandteil im Leben der Mendens.
Ich habe sie total liebgewonnen und freue mich bis heute jedes Mal wie blöd, wenn ich das Wochenende mit ihnen verbringen darf.
Wir hatten viele, viele gute Tage zusammen und auch ein paar wenige schlechte Tage.
Ein ganz, ganz mieser Tag war es, als ihr Jack Russell Terrier sich entschlossen hatte ein Hundeengel zu werden. Mit seinen siebzehn Jahren hatte er sich dieses Privileg auch mehr als verdient, aber trotzdem tat es weh und ich vermisse den alten Herren noch immer.“
Eine kleine Träne stiehlt sich aus Rose‘ Augenwinkel.

„Lange Rede, kurzer Sinn“, setzt sie mit rauer Stimme fort, “ die zwei Schwestern hatten es nicht lange ohne Hund im Haus ausgehalten und sich recht bald nach einem neuen Wegbegleiter umgesehen.“

„Und jetzt wird es interessant“, Rose hebt ihre Schnauze ein Stück höher, „bei ihrer Recherche im Internet sind sie auf einen Tierschutzverein gestoßen, der Hunde aus Rumänien nach Deutschland vermittelt. Ihre Wahl fiel auf eine kleine schwarze Hündin namens Suzy. Alles schön und gut, doch dummerweise hörten sie nicht auf zu schauen und stießen schließlich noch auf Toni. Kurioserweise lebten beide Hunde bei der gleichen Pflegemama. Ihr könnt euch sicher denken, was dies zur Folge hatte, oder?“


„An einem Freitagnachmittag, den ich mal wieder bei meiner Lieblingsnanny verbrachte und an dem ich mich schon auf ein paar gemütliche Stunden auf der Couch eingestellt hatte, packten mich die Schwestern gut gelaunt ins Auto und fasselten irgendwas von einer Überraschung.
Mir wurde ganz anders. Überraschungen im Hause Menden hatten meistens was mit ausgedehnten Spaziergängen oder gar Wanderungen zu tun.“
Rose schüttelt ablehnend den Kopf und verzieht ihre Schnauze.
„Um ehrlich zu sein, bin ich eher ein gemütlicher Vertreter meiner Rasse. Untypisch, ja vielleicht, aber bei genauerem Hinsehen werdet ihr feststellen, dass an mir rein gar nichts typisch ist. Meine Mama nennt mich nicht umsonst ‚Prinzesschen‘. Und mal ehrlich, habt ihr schon mal eine Prinzessin gesehen, die viel läuft? Die werden entweder getragen oder chauffiert.“
Rose zuckt mit den Schultern.
„Wie dem auch sei, wir fuhren also los. Ich kuschelte mich in der hintersten Ecke auf der Rückbank zusammen und presste fest die Augen zu, in der stillen Hoffnung, dass der Kelch der Wanderung an mir vorüberziehen würde.
Und je länger die Fahrt dauerte, desto mehr wuchs in mir die Überzeugung, dass mein Plan aufgehen würde.
Innerlich frohlockte ich und entspannte mich von Minute zu Minute mehr, bis ich schließlich einschlief.“
Nur mühsam unterdrückt die Dackeldame ein Gähnen und schmatzt leise.

„Nach einer guten Stunde Fahrt hatten wir unser Ziel erreicht. Iris‘ Ankündigung ‚Wir sind da, Rosie‘, riss mich aus meinen süßen Träumen. Vorsichtig hob sie mich aus dem Wagen und setzte mich auf dem Boden ab. Ich blickte mich neugierig um, also ein Wanderparkplatz war das nicht. Wir hatten vor einer großen Scheune mit angrenzendem Haus gehalten.“

„Ich hob meine Nase in den Wind und schnüffelte. Hier roch es nach allerhand Getier, aber besonders auffällig nach Hunden. Ich zog meine Lefzen leicht nach oben, das Dackelgen in mir war zum Leben erwacht. Meine Nase landete auf dem Boden. Oh, wie gut es hier roch. Ich hatte Witterung aufgenommen und folgte der Geruchsspur.
‚Langsam‘, ermahnte mich Iris, die Mühe hatte, mir in meinem plötzlichen Bewegungsdrang zu folgen.
Die Spur wurde intensiver, je näher ich dem Wohnhaus kam. Und dann hörte ich es auch schon. Aufgeregtes Hundegebell schlug mir aus dem angrenzenden Garten entgegen.
Adrenalin schoss durch meinen Dackelkörper und ich sprintete vorwärts.
‚Rosie, nicht so schnell‘, versuchte Astrid, mein Vorpreschen zu bremsen, ‚wir müssen erst …‘
Der Satz blieb unvollendet, als eine blonde Frau, ein freundliches Lächeln auf den Lippen, an der Gartentür erschien.
‚Hi‘, grüßte sie, ‚ich bin Petra‘ Sie öffnete die Gartentür. ‚Kommt rein‘
Im gleichen Moment schoss ein schwarzer Blitz auf vier Pfoten auf mich zu, verharrte kurz vor mir, musterte mich von vorne bis hinten, schnüffelte neugierig an meiner Schnauze und tänzelte schließlich freudig um mich herum.
Petra lachte auf. ‚Das ist Suzy‘, stellte sie das schwarze Energiebündel vor.
‚Hallo Suzy.‘ Die Schwestern gingen in die Hocke und hielten der Hündin ihre Hände hin, aber ich muss wohl nicht erwähnen, dass Suzy nur an mir interessiert war und die Begrüßung fürs Erste ignorierte.“

Rose lächelt versonnen, als sie sich an das erste Treffen zurückerinnert.

„Stattdessen tanzte Suzy weiter um mich herum und ich konnte nicht anders, als mich dem Tänzchen anzuschließen.
In kürzester Zeit waren wir im Spiel vertieft.
‚Wie süß‘, hörten wir hin und wieder verzückt, und merkten gar nicht, wie sich ein weiterer Hund in unser Spiel einmischte. Der große Rüde stupste mich freundlich an und wedelte wild mit seiner Rute.
‚Und das ist Toni‘, hörten wir seinen Namen, ‚ein echter Schmusebär‘
Der Nachmittag verging wie im Flug.
Wir drei tollten durch den Garten, spielten Verstecken und fang mich doch. Wir hatten richtig viel Spaß zusammen.
Doch viel zu schnell kam der Moment des Aufbruchs.
Ich war richtig traurig, als Iris und Astrid meinten, es wäre Zeit zu gehen.
Dieselbe Traurigkeit sah ich auch in den Augen meiner neuen Hundefreunde.
‚Nicht traurig sein, ihr drei, wahrscheinlich seht ihr euch eher wieder, als ihr denkt‘, flüsterte Astrid uns ins Ohr und blickte dabei verschwörerisch zu ihrer Schwester hinauf.
‚Mal sehen, eine Nacht drüber schlafen und dann …‘, überlegte Iris laut.
Aufgeregt trippelte ich mit den Vorderpfoten. Ich wusste zwar nicht, was das genau zu bedeuten hatte, aber es hörte sich irgendwie gut an.
‚Die zwei Hundis mögen euch wirklich sehr‘, mischte sich jetzt auch Petra ein, ’so anhänglich waren sie noch bei keinem Anwärter.‘
Ich lachte innerlich auf. Ich will ja nicht angeben, aber es lag ja wohl eindeutig an mir, dass Suzy und Toni so anhänglich waren. Niemand kann mir widerstehen.
Trotzdem hieß es jetzt erstmal Abschied nehmen.“

„Die Tage zogen sich dahin, ohne dass irgendetwas passierte.
Ich wurde schon ganz nervös und machte mir langsam große Sorgen darüber, ob ich meine Freunde nochmals wiedersehen würde. Gefühlt war unser Kennenlernen schon eine Ewigkeit her.
Und dann kam wieder ein Freitag. Iris hatte mich fürs Wochenende mit zu sich genommen, und schon beim Betreten des Hauses merkte ich, das irgendwas anders war.
Im Flur stand ein neuer Wassernapf, ziemlich groß und ziemlich blau.
Ein freudiges Kribbeln erwachte in meinem Bauch, und nein, es war kein Hunger, jedenfalls nicht nur.“
Rose grinst verschmitzt.
„An dem Haken für die Leinen konnte ich zwei neue Lederleinen ausmachen, eine schwarze und eine braune. Zwei neue Leinen, zwei neue Hunde. ‚Juchu‘, jauchzte ich und hüpfte freudig auf und ab. Konnte es wirklich wahr sein?
Ich raste ins Wohnzimmer und blickte mich um. Meine Euphorie bekam einen kleinen Dämpfer, als ich hier keine Neuerungen feststellen konnte.
Aber das war wahrscheinlich gar nicht so verwunderlich. Schon immer türmten sich vor einer Vitrine zwei Hundekissen, eine Bettdecke, zwei Hundedecken und unzähliges Hundespielzeug auf. Eine richtige Hundewohlfühloase, die keiner Verbesserung bedurfte.“

„Dann klingelte es an der Tür. Ich konnte ein aufgeregtes „Wau Wau“ nicht unterdrücken.
‚Rosie‘, ermahnte mich Iris, ‚benimm dich.‘
Astrid öffnete die Tür.
‚Hi‘, hörte ich von draußen. Oh ja, ich kannte diese Stimme. Meine Rute machte sich selbstständig und fing unkontrolliert an zu wedeln. Ich sprintete in den Flur und da sah ich sie, Suzy und Toni, meine Freunde waren endlich da.
Die zwei Hunde drängten sich an Astrid und Petra vorbei, ignorierten Iris geflissentlich und stürzten freudig bellend auf mich zu.
Wir freuten uns wie die Schneekönige.“

„Nachdem wir uns ausgiebig begrüßt hatten und auch die Menschen in angemessener Weise gewürdigt worden waren, übernahm ich die Aufgabe und zeigte Suzy und Toni ihr neues Zuhause.
Mit hocherhobener Rute und stolz vorgerecktem Kopf marschierte ich in typischer Dackelmanier vorweg und führte sie durch die einzelnen Räume, selbstredend nicht, ohne die angemessenen Verhaltensregeln aufzuzählen. Es fielen Sätze wie, in diesem Bett schlafe ich, und zwar auf der Fensterseite, dieser Platz auf der Couch gehört mir und das ist meine Lieblingsdecke.
Und das Wichtigste überhaupt, holte ich aus und reckte meinen Kopf noch ein Stückchen höher. Das türkisfarbende Näpfchen und alles, was darin serviert wird, gehört mir und zwar nur mir. Ich zog meine Lefzen nach oben. Kommt nicht zwischen mich und mein Essen, niemals, dann wird dieser Dackel zum Kampfdackel, ich schwöre es euch, und das wollt ihr nicht erleben.
Suzy und Toni wichen beeindruckt einen Schritt zurück. Ich grinste zufrieden, schließlich war ich schon länger ein Rudelmitglied, wenn auch nur in Teilzeit, aber das spielt keine Rolle. Ich hatte eindeutig die älteren Rechte.“

„Mit hocherhobener Rute marschierte ich in den Garten, wo Perta, Astrid und Iris sich bei einer Tasse Kaffee unterhielten.
‚Na Rose, hast du deinem Gefolge alles gezeigt?‘
Hoheitsvoll neigte ich den Kopf, streckte meine Brust nach vorne und trabte durch den Garten, Toni und Suzy im Schlepptau.
‚Eine richtige Queen Mum‘, kommentierte Petra amüsiert, ‚der Dackel hat alles im Griff.’Ich spitzte die Ohren.
‚Ganz genau, vom Prinzesschen zur Queen Mum.'“

Rose lächelt zufrieden und rollt sich behaglich auf ihrem Kissen zusammen.
„Und so ist es noch heute“, murmelt sie zufrieden, während sie langsam ins Land der Träume abdriftet. Sie schmatzt schlaftrunken, nuschelt leise „Queen Mum“ und gleitet ins Land der Träume.

Herzlichst,

Rose

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