Dunkelheit schlich durch die Straßen der Kleinstadt. Fahles Mondlicht stahl sich durch Lücken in der dichten Wolkendecke und erschuf unheimliche Schatten, die im Verborgenen einen skurrilen Tanz darboten.
In der Ferne schrie ein Käuzchen nach seinem Nachwuchs. Kröten stimmten eine verstörende Melodie an. Lautlose Schwingen erzeugten einen kalten Hauch der Angst.
Erste Nebelschwaden bildeten sich in der feuchtwarmen Luft und schlichen wie Gespenster auf der Suche nach verlorenen Seelen durch die Einsamkeit.
Doch die Stadt war weder verlassen noch einsam.
Toni kauerte verängstigt in einem Hauseingang. So fest er konnte, presste der Rüde seinen Körper gegen den rauen Putz der Hauswand. Er hoffte, mit der Dunkelheit zu verschmelzen und von dem umherwandelnden Bösen nicht entdeckt zu werden.
„Wie hatte das nur passieren können?“, fragte er sich fassungslos. „Wie bin ich nur hier gelandet, so ganz allein, mitten in der Nacht? Wo ist Suzy? Wo ist Rose? Wo meine Mamas?“ Tränen sammelten sich in seinen Augen. Er ließ seinen Kopf hängen und versuchte sich zu erinnern, welche mysteriösen Umstände ihn in diese Situation gebracht hatten.
‚Eben habe ich doch noch auf meinem Kissen gelegen und dann?‘ Ein verzweifeltes Schluchzen drang aus seiner Kehle.
Plötzlich drang ein entferntes Quietschen an sein Ohr. Toni horchte auf. Er setzte sich aufrecht hin und lauschte in die Dunkelheit. Das Quietschen kam näher, wurde lauter und eindringlicher. Toni schwankte zwischen Hoffnung und Angst. Sein Herz begann schneller in seiner Brust zu schlagen.
Gebannt starrte er in das Schwarz der Nacht hinein, fixierte die Richtung, aus der er das Geräusch vernahm, und dann erkannte er einen Schatten, der sich langsam aus der Dunkelheit schälte. Riesige Räder zeichneten sich in einem tiefschwarz an die Häuserfronten.
Ihm stockte der Atem. Da rollte etwas auf ihn zu.
Just in diesem Moment kämpfte sich blasses Mondlicht durch eine Wolkenlücke und tauchte die Szene vor seinen Augen in gedämpftes Licht.
„Oh Gott“, stieß der Rüde atemlos ein. Sein Herz schlug ihm jetzt bis zum Hals und drohte ihm den Atem zu rauben.
Rote Augen starrten ihn durchdringend an. Er wich zurück, doch die Hauswand machte es ihm unmöglich. Toni saß in der Falle.
Stück für Stück kam die Bedrohung näher. Das Quietschen wurde lauter und lieferte den Soundtrack der Angst.
Doch plötzlich hielt die Gestalt inne und eine tödliche Stille erwachte.
Toni hielt erschrocken den Atem an.
Die roten Augen richteten sich auf ihn, fixierten ihn und schienen bis in seine Seele schauen zu können.
Der Rüde erkannte, dass sein Gegenüber eine weiße Maske trug. Ein rotes Spiralmuster zierte die beiden Wangen. Toni kniff die Augen zusammen. Die Gestalt war um einiges kleiner, als der Schatten hatte vermuten lassen, und schien in einem Rollstuhl oder auf einem Rad zu sitzen.
Toni wagte einen Schritt nach vorne. Die Gestalt vor ihm schien ihm auf eine sonderbare Weise bekannt, sogar vertraut.
„Lass uns ein Spiel spielen“, ertönte plötzlich eine krächzende Stimme und stoppte Tonis Vormarsch jäh.
„Was denn für ein Spiel?“, fragte Toni, eingeschüchtert und neugierig zugleich. „Schnick, Schnack, Schnuck“, schlug er eifrig vor. „Ich mag Spiele.“ Der Rüde trippelte aufgeregt mit den Vorderpfoten.
„Nein“, hallte es ihm kalt entgegen, „Schere, Stein, Papier.“
Toni stutzte verwirrt. „Aber, aber, das ist doch dasselbe Spiel“, wagte er einzuwerfen.
„Schon möglich, aber Schere, Stein, Papier klingt gewalttätiger“, krächzte sein Gegenüber und näherte sich dem Rüden langsam.
Toni kaute nervös auf seiner Unterlippe. „Und, und was spielen wir?“
Sein Gegenüber lachte dämonisch auf. „Wenn du verlierst, gehört deine Seele mir.“
Toni schluckte schwer. „Und wenn ich gewinne?“
„Ha, ha, ha, das wird sicher nicht passieren“, gab sich die Maskengestalt siegessicher. „Aber gut, wenn du gewinnst, sage ich dir, wie du nach Hause kommst.“
Ein Gefühl der Freude schwappte durch Tonis Körper. „Du weißt, wo ich wohne?“
„Ich weiß alles. Und jetzt lass uns anfangen.“
Die Kontrahenten stellten sich gegenüber, hoben jeweils eine Pfote und begannen ihren Wettstreit.
Nach vier Durchgängen stand es zwei zu zwei.
„Die nächste Runde entscheidet“, verkündete die Maskengestalt selbstbewusst, „verabschiede dich schon mal von dieser Welt.“
Schweiß bildete sich auf Tonis Stirn. Ein eisiger Schauder rann über seinen Rücken. Er atmete tief ein und nickte kurz.
Die Pfoten trafen sich.
„Schere, Stein, Papier“, hallte es in der Dunkelheit. Die Pfoten flogen durch die Luft und dann …
Toni ballte seine Pfote zum Stein. „Bitte, bitte, bitte“, flehte er leise. Sein Blick richtet sich auf das Ergebnis. Sein Atem stockte. Er traute seinen Augen nicht. Sein Gegner hatte die Schere gewählt.
„Nein, nein, nein“, schrie sein Gegenüber aufgebracht, „das kann nicht sein.“
Toni hüpfte aufgeregt auf und ab. „Ich hab gewonnen, ich hab gewonnen“, verkündete er lautstark.
„So eine Kacke.“ Die Maskengestalt rollte ein Stück zurück und riss sich in einem Anflug von aufkeimendem Jähzorn die Maske vom Gesicht. „Kacke, Kacke, Kacke!“
Toni hielt in seinem Freundentanz inne. Er stutzte und traute seinen Augen nicht. „Rosie?“, fragte er überrascht. „Rosie, bist du das?“ Ermutigt näherte er sich dem Dackel. „Warum …“
Weiter kam er nicht.
„Ich bin nicht Rosie“, rief der Dackel aus, griff seine Maske und stülpte sie wieder über sein Gesicht. „Ich bin Jigsaw*.“
Toni schüttelte ungläubig den Kopf. „Das kann nicht sein, ich kenne dich doch und deinen Rolli und ….“
„Still jetzt“, fiel Jigsaw/Rose ihm ins Wort. Die roten Augen durchdrangen Toni bis ins Mark.
Der Rüde schluckte schwer. Ernsthafte Zweifel erwachten an seiner Annahme, sein Gegenüber zu erkennen. Eingeschüchtert wich er zurück.
Jigsaw lachte auf. „Gut so.“ Der Dackel neigte den Kopf und grinste unter seiner Maske.
„Aber Jigsaw ist ein Ehrenmann und Spielschulden sind Ehrenschulden.“ Die Gestalt baute sich vor Toni auf. „Du musst hier lang.“ Sie wies die Straße hinunter. „Das ist dein Weg nach Hause.“
Toni wackelte überglücklich mit seinem Hinterteil. „Danke, danke, danke“, rief er aus und verschwand in der Dunkelheit.
Der Rüde war schon einige Minuten unterwegs, als er vor sich eine Bewegung ausmachte.
Er stutzte und fixierte die Dunkelheit.
„Bist du das, Jigsaw?“, rief er mit bebender Stimme.
„Nein“, dröhnte es ihm entgegen. Eine dunkle Gestalt sprang auf dem Weg. Selbst aus der Entfernung konnte Toni ausmachen, dass diese Gestalt um einiges größer als Jigsaw war. Und überdies hielt sie irgendwas in der Hand. Irgendwas, das aussah wie eine Machete.
„Oh, nein“, keuchte Toni und wich erschrocken zurück.
Doch bevor er auch nur einen Schritt zurückgesetzt hatte, stand die Bedrohung genau vor ihm.
Eine Eishockeymaske bedeckte das Gesicht des Angreifers, einzig die rabenschwarzen Augen waren sichtbar.
Toni sank unter dem Blick förmlich zusammen. „Wer, wer bist du?“, stotterte er ängstlich. „Was willst du von mir?“
„Ich bin Jason*“, schlug ihm hasserfüllt entgegen, „und ich will …“
Toni horchte überrascht auf. „Jason?“, fragte er überrascht nach, „Jason Derulo*?“ Er trippelte aufgeregt mit den Pfoten. „Das glaube ich ja nicht, ich meine Jason Derulo hier.“ Der Rüde ging auf die Gestalt zu. „Ich bin ein totaler Fan.“ Sein Blick huschte über sein Gegenüber. Er schluckte, peinlich berührt. „Ich muss gestehen, du siehst anders aus, als ich gedacht habe, irgendwie …“, Toni suchte nach einem passenden Wort, „speziell“, bemerkte er zuversichtlich, „aber …“
„Ich bin nicht Jason Derulo, ich bin Jason.“
Doch Toni hörte gar nicht hin. Seine Pfoten hatten schon einen wilden Tanz begonnen und erste Töne drangen aus seiner Kehle.
„I know money can’t buy, buy, buy your love, I guess I didn’t try, try hard enough …*“
„Ruhe“, kreischte die dunkle Gestalt auf. Toni zuckte zusammen und verstummte abrupt.
Die Spitze der Machete landete auf dem Asphalt und erzeugte ein schrilles Kreischen, als Jason sie neben sich herzog. „Ich bin Jason und …“
Tonis Körper vibrierte vor Anspannung. Er presste seine Lippen fest zusammen, in dem verzweifelten Versuch, aufmerksam zuzuhören, doch schließlich hielt er es nicht mehr aus.
„Can we just make love, not war, oh,oh,oh …“
Jason ließ den Kopf hängen. „Schluss jetzt“, versuchte er es erneut, aber er drang nicht zu dem Rüden durch, der wildtanzend wieder und wieder das Lied zum Besten gab.
Niedergeschlagen drehte Jason sich um und verschwand in der Dunkelheit, aus der er gekommen war. „Ich glaube es einfach nicht“, murmelte er in einen fassungslosen Refrain, „Jason Derulo …“
Toni war auf einem Höhenflug. Auf den Schwingen der Melodie tänzelte er durch die Straßen.
„Mutter ist wieder da!Mutter ist wieder da!*“, drang es plötzlich wie ein Störgeräusch an sein Ohr. Er verstummte. „Mama?“, fragte er hoffnungsvoll in die Dunkelheit hinein und lauschte in die Nacht. Doch alles blieb still. Betrübt senkte er den Kopf.
Gerade als er seinen Weg fortsetzen wollte, hörte er die Stimme erneut, lauter und viel, viel näher.
„Mutter ist wieder da! Mutter ist wieder da!“
Tonis Herz schlug wild in seiner Brust. „Mama“, rief er, „Mama, ich bin hier.“ Er raste los in die Richtung, aus der er den Ruf vernommen hatte.
„Mama, Mama.“ Er lief wie im Wahn und erkannte viel zu spät die Frau, die urplötzlich vor ihm auftauchte.
Toni rammte die Frau, riss sie von den Beinen, und die beiden rollten in einem Knäuel aus Fell, Haaren und Gliedmaßen über den Asphalt.
Nach einer gefühlten Unendlichkeit kam das Duo endlich zum Halten.
Toni rappelte sich auf. „Mama, Mama“, rief er, „du hast mich gefunden, endlich.“
Er fand ihr Gesicht. „Ma…“ Das Wort blieb ihm im Hals stecken. Er schreckte zurück. Die Wangen der Frau waren blutverschmiert und ausdruckslose Augen starrten ihn an.
„Mama, nein“, heulte er auf, „bitte, bitte, wach auf, bitte.“ Der junge Rüde ließ sich auf den Körper der Frau fallen und weinte und jaulte hemmungslos.
„Toni, Toni“, drang sein Name langsam durch seinen Traum an seine Ohren, „Toni, aufwachen, aufwachen, komm raus aus deinem Alptraum.“
Er spürte zärtliche Berührungen auf seinem Rücken, ein sanftes Kraulen hinter seinen Ohren. „Süßer, aufwachen.“
Ein Lächeln zog an Tonis Lippen, ein Gefühl der Geborgenheit schwappte durch seinen Körper.
Er wollte dieses Gefühl für immer festhalten. Ein leichter Kuss landete auf seinen Lefzen. „Wach auf, Großer, du hattest einen Alptraum.“
Er kannte die Stimme. „Mama“, murmelte er schlaftrunken. „Mama.“ Seine Augen flogen auf und er starrte in das Gesicht seiner Mama.
Er sprang auf und wedelte freudig mit seiner Rute.
„Na, Großer, alles klar?“
„Jetzt schon, Mama, jetzt schon.“
Er bekam einen kleinen Klaps und dann ließ er sich wieder auf seinem Kissen fallen.
„Nur ein Traum“, nuschelte er vor sich hin, „nur ein Traum.“ Seine Augenlider sanken langsam nach unten.
„Na Toni, wollen wir ein Spiel spielen?“
Schlagartig war Toni hellwach und atmete erschrocken ein.
„Was?“, stotterte er verstört.
Suzy und Rose starrten auf ihn herunter.
„Wollen wir was spielen?“, wiederholte Rose die Frage.
„Vielleicht Karaoke“, schlug Suzy vor, „dann kannst du deinen Jason Derulo mal wieder zum Besten geben.“
Geschockt wanderte sein Blick zwischen den Hündinnen hin und her.
„Ach, komm schon, wird sicher lustig“, ließ sich Suzy nicht abwimmeln und setzte die Karaoke-Maschine in Betrieb.
„Alles nur ein Traum?“, fragte sich Toni irritiert und schüttelte den Kopf. „Wie kann das möglich sein?“
Die ersten Akkorde seines Lieblingslieds ertönten und begruben alle Fragen und Zweifel unter sich.
Er war hier mit Suzy, Rose und seinen Mamas und alles war gut.
„I know money can’t buy, buy, buy your love, I guess I didn’t try, try hard enough …“
Herzlichst,
Suzy, Toni und Rose
*Jigsaw, psychopathischer Killer John Kramer aus der ‚Saw-Reihe‘
*Jason, Jason Voorhees aus ‚Friday the 13th
*Jason Derulo, amerikanischer Sänger … Lied: Love not war
*Mutter ist wieder da aus dem Film ‚Mother’s Day‘