„Oh yeah, oh yeah, was für ein geiler Tag.“
Toni hüpft ausgelassen durch den Garten. Ein leichter Nieselregen fällt vom Himmel und legt sich in kleinen Tröpfchen in sein Fell. Aber das stört den Rüden überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, er liebt es, und wenn es möglich wäre, würde er ‚Glücksherzen‘ aus dem Hinterteil fliegen lassen.
Ganz anders ist es bei seiner Mitbewohnerin Suzy. Diese kann dem Regen rein gar nichts abgewinnen und zieht es vor, diesen entspannt auf der Couch zu verschlafen.
‚Soll sie doch, sie weiß echt nicht, was sie verpasst‘, kommentiert Toni im Stillen und setzt sein Tänzchen unbeirrt fort.
Er durchkämmt den Garten von rechts nach links und von links nach rechts. Er erkundet jede Ecke des Grundstückes genau, schnuppert hier und dort in einer schier endlosen Wiederholung.
Sein Fell klebt mittlerweile nass an seinem Körper, aber seine gute Laune ist ungebrochen.
„Oh, wie gut es hier riecht und da und hier …“ Er ist schlichtweg glückselig. „Und hier und …“ Toni stutzt überrascht. Er kneift seine Augen leicht zusammen und fixiert einen Gegenstand genau vor sich.
„Das gibt es doch nicht.“ Vorsichtig macht er einen Schritt nach vorne. Sein Körper zittert vor Aufregung. Er hat seinen Heiligen Gral gefunden.
„Warum habe ich dich eben nicht gesehen? Diese Ecke habe ich doch schon erkundet. Wo hast du dich nur vor mir versteckt?“ Er schüttelt seinen Kopf. Wassertropfen spritzen zu allen Seiten weg. „Nicht zu fassen“, ruft er schließlich aufgeregt aus und stürzt auf das Objekt seiner Begierde.
„Das perfekte Stöckchen“, jauchzt er überschwenglich und schmeißt das zahnstochergroße Ästchen in die Luft. Es dreht sich ein paarmal um die eigene Achse und landet schließlich im Gras.
„Super gute Flugeigenschaften“, bemerkt der Rüde überaus zufrieden, stürzt wieder auf das Stöckchen zu und nimmt es in seine Schnauze.
„Und es passt ganz genau“, stellt er, genüsslich daraufherumkauend, fest.
Euphorisch schleudert er das Holz wieder in die Luft und dieses Mal schnappt er es im Flug.
„Wie geil ist das denn?“ Toni tippelt leichtfüßig durch den Garten und wie ein Rudolf Nurejew* führt er ein perfektes Pas de deux mit seinem Stöckchen auf.
Doch dann passiert das Unfassbare.
Toni schleudert den Ast anmutig nach oben, verfolgt aufmerksam die Flugbahn, wartet geduldig ab. Im richtigen Moment stößt er sich mit den Hinterpfoten ab, sein Oberkörper schießt nach vorne, seine Schnauze öffnet sich, bereit, den Ast zu schnappen. Toni spürt die Berührung der Rinde an seinen Lefzen. Voller Vorfreude schnappt er zu, aber er hat sich verschätzt. Seine Zähne schlagen laut aufeinander und das Stöckchen verschwindet in seinem Maul. Seine Zunge drückt den Fremdkörper an seinen Gaumen und verkeilt ihn dort zwischen den Zahnreihen.
Erschrocken reißt Toni die Augen auf. Er verliert die Kontrolle über seinen Körper und landet unkoordiniert wieder auf dem Boden. Überrascht keucht er auf und versucht, tief durchzuatmen, aber irgendetwas behindert ihn. Der junge Rüde hat das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. „Scheiße“, röchelt er. Panisch kratzt er mit seiner Vorderpfote im Maul herum. Er räuspert sich lautstark und versucht, das Stöckchen herauszuwürgen. Und immer wieder kratzt er wild an seinen Zähnen herum, erste Blutstropfen sickern aus dem gereizten Zahnfleisch. Mit unsteten Schritten taumelt Toni Richtung Terrasse.
Laute Würgegeräusche reißen Suzy aus ihrem Schönheitsschlaf.
„Oh man“, murmelt sie und reckt sich nach vorne, „ich hab gerade so schön geträumt …“
Doch Tonis Anblick vor der Terrassentür lässt ihre Worte abreißen. „Toni!“, ruft sie aus, als sie ihren Mitbewohner schwankend und aus dem Mund blutend im Regen stehen sieht.
Bellend springt sie von der Couch, sie kratzt mit ihren Pfoten gegen die Fensterscheibe. „Ich komme, Toni, ich komme!“
Der plötzliche Lärm ruft Iris auf den Plan.
„Suzy“, kommt sie lamentierend ins Wohnzimmer, „du kennst doch die Regeln …“ Doch auch ihre weiteren Worte verebben ungesagt, als sie Toni erblickt.
„Oh mein Gott!“ Sie reißt die Terrassentür auf. Suzy schießt nach vorne und springt um ihren Freund herum. Der Rüde kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Er röchelt und atmet viel, viel zu schnell.
Iris geht auf die Knie und versucht, ihn zu beruhigen. „Alles gut, Großer, alles wird gut.“ Sie streichelt ihm sanft über den Kopf.
„Astrid, Astrid“, ruft sie nach ihrer Schwester, ihre Stimme vibriert vor Angst, die sie nicht länger unterdrücken kann, „mit Toni stimmt was nicht, er kriegt kaum Luft …“ Tränen rauben ihr die Stimme.
Suzys Augen weiten sich vor Schreck.
„Oh nein, oh nein“, raunt sie in Tonis Richtung, „halte durch, Großer.“ Sie schmiegt sich eng an Tonis Körper. „Nicht aufgeben, verstanden?“
Toni nickt kaum merklich.
Im nächsten Moment ist Astrid bei ihnen.
„Tönchen“, sie kniet sich vor den Hund, „lass mich mal gucken.“ Sie greift nach der Schnauze, doch der Rüde zuckt zurück. Sie schüttelt den Kopf.
„Das bringt nichts, ich will ihm nicht wehtun“ Sanft streichelt sie ihm über da nasse Fell. „Wir fahren zum Doc, der macht das schon“, verkündet sie zuversichtlich. Sachte greift sie nach Tonis Halsband. „Komm, Großer, der Doc hilft dir.“ Auf wackeligen Beinen trottet Toni neben Astrid davon.
Iris dreht sich zu Suzy um. Der Anblick der kleinen Hündin entlockt ihr ein breites Grinsen.
„Du siehst aus wie ein explodiertes Wollknäuel“, bemerkt sie, und für den Moment ist die Angst aus ihrer Stimme verschwunden.
„Was?“ Suzy erwacht aus ihrer Schreckstarre und wird sich der Nässe und Kälte an ihrem ganzen Körper bewusst.
„Oh, dieser Toni“, mault sie, dreht sich um und jagt ins Haus.
„Na komm her.“ Mit einem flauschigen Handtuch reibt Iris ihre Hündin trocken. „Mach dir keine Sorgen. Toni ist gleich wieder da, alles wird gut.“
Die Minuten tröpfeln dahin. Suzy sitzt in aufgeregter Erwartung vor der Haustür.’Wie lange das dauert.‘
Doch endlich hört Suzy das erlösende Quietschen des Gartentores. Sie springt auf, hüpft von einem Bein auf das andere, jault vor Aufregung.
Iris ist prompt an ihrer Seite und reißt die Haustür auf. Ein Stein, nein, ein ganzer Berg der Erleichterung fällt ihnen vom Herzen, als sie Toni gut gelaunt vor der Türe stehen sehen.
Suzy springt ihn aufgeregt an, schnuppert an ihm herum. Noch alles dran, noch alles da, wunderbar.
„Hey Sis“, grüßt Astrid ihre Schwester und hält ihr ein Tütchen mit einem Stöckchen vor die Nase. „Der Übeltäter“, erklärt sie, „dieses Stöckchen hatte sich an Tonis Gaumen verkeilt und der Große ist in Panik geraten.“
„Echt? Das ist alles? Und ich dachte …“
„Ja, ja, unser Großer, ein Weichei vor dem Herrn.“ Grinsend folgt sie den Hunden ins Wohnzimmer.
„Hauptsache, es geht ihm gut.“
„Wohl wahr, und man gönnt sich ja sonst nichts.“ Lapidar legt sie die Rechnung auf den Tisch.
„What?“, stößt Iris aus, „echt jetzt?“
Astrid zuckt die Schultern. „Und das ist über den ‚großen Daumen‘ gerechnet. Ein Sonderpreis für langjährige Kunden und vielleicht sogar ein kleiner Mitleidsbonus.“
„Hä, verstehe ich nicht.“
„Was soll ich sagen, die Sorge um den Großen hat mich doch etwas übermannt und ich habe die Contenance verloren.“
„Du?“, fällt Iris ihrer Schwester ins Wort, „Frau Superarzthelferin? Die immer alles unter Kontrolle hat.“
„Vielleicht ein bisschen.“ Astrid zeigt einen kleinen Abstand mit Daumen und Zeigefinger.
„Es ging schließlich um Toni.“
„Da wäre ich gerne dabei gewesen.“ Iris schüttelt ungläubig den Kopf.
„Ich sag nur so viel, es waren Tränen und Sätze wie ‚Ich glaube, der Toni stirbt‘, im Spiel.“ Astrids Kopf fällt nach vorne. „So im Nachhinein ganz schön peinlich“, kommentiert sie kleinlaut.
„Ach was.“ Iris legt ihrer Schwester eine Hand auf die Schulter. „Wie du schon gesagt hast, es ging schließlich um Toni.“
„Schon, aber den Gesichtsausdruck vom Doc, als er mit einem lakonischen Grinsen im Gesicht erklärte: ‚Frau Menden, so schnell stirbt man nicht‘, werde ich nie wieder vergessen.“
„Wenn das alles ist“ Iris greift nach dem Tütchen mit dem Stöckchen.
„Das sollten wir aufbewahren“, bemerkt sie, während sie sich den Übeltäter genauer ansieht.
„Du meinst als eine Art Trophäe?“, überlegt Astrid.
„Ja genau, und wie ich unseren Toni kenne, wird es nicht die einzige bleiben.“ Ihr Blick wandert zur Couch, wo Suzy und Toni in trauter Zweisamkeit zufrieden schlafen.
„Wahrscheinlich nicht“, stimmt Astrid lachend zu, „aber so lange er als Sieger vom Feld geht, soll es mir recht sein.“
Herzlichst,
Euer Toni
P.S.: Hi, ich bin’s noch mal, Toni. Was soll ich sagen, wie vorausgesehen sind im Laufe der Zeit noch ein paar Trophäen dazugekommen, aber davon an anderer Stelle mehr ….
* russischer Balletttänzer (17. März 1938 – 06. Januar 1993)